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Ernst

«We are born naked, the rest is drag»

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«We are born naked, the rest is drag»

Zum Milchball vom 9. Dezember 2017 im Theater am Neumarkt, Zürich

Dank «dem Kreis» haben wir letzten Dezember den wun­derschönen Milchball erleben dürfen. «Der Kreis» war eine Schwulenbewegung, welche ungefähr 1930 gegründet wurde. Die Bewegung hatte ein Magazin das «DER KREIS – LE CERCLE – THE CIRCLE» hiess und ähnlich wie das Milchbüechli rund um falschsexuelle Themen berichtete.

Ab 1948 fanden im Theater Neumarkt in Zürich Bälle statt, an die Männer aus ganz Europa anreisten um in einem si­cheren Umfeld zu feiern, Bekanntschaften zu schliessen und sich international auszutauschen. 1960 wurde durch den Zürcher Stadtrat ein Tanzverbot von Männern mit Männern ausgesprochen, somit konnte «der Kreis» seine Bälle nicht mehr durchführen. In dieser Zeit nahm die Diskriminierung falschsexueller Menschen wieder stark zu und sieben Jahre später musste sich «der Kreis» auflösen.

Darum sind wir überglücklich, die Tradition dieser Bälle wie­ der aufleben zu lassen um unsere Falschsexualität gemein­sam zu feiern.

Im folgenden Text erzählt Ernst über den Milchball. Das Be­sondere dabei: Ernst war schon an den vergangenen Bällen im Theaterneumarkt dabei.

 

Ernst Ostertag, 88   Aus Zürich

Ernst Ostertag, 88

Aus Zürich

Das Wissen, es geht an einen Ball wie seinerzeit vor 60 Jahren, an einen KREIS­Ball, es weckte ein Gefühl höchster Erwartung und höchster Freude und steigerte sich auf dem Weg durchs Niederdorf und durch den Rinder­markt zum kleinen Platz mit dem Brunnen, alles mir altbekannt und ge­wohnt; im Kopf die Bilder von damals, sie wurden riesig. Ich ging wie im Traum. Vor dem Eingang standen sie Schlange, genauso wie immer. Nein, es waren die Raucher. Das war also heute, jetzt. Kopfnicken, ein Hallo, net­te, liebenswürdige Menschen. Ich trat ein, ging die Treppe hoch zusammen mit meinem Begleiter und Freund Giovanni. Er war Gast. Daher suchte ich den «Drachen». Der war nicht da, wie immer. Weiter oben aber fand ich ihn, neben der Bar, eine äusserst freundliche junge Dame, der ich den Obolus reichte, um dafür einen Stempel aufs Handgelenk zu bekommen. So ist das heute, und wie kriege ich den wieder weg? Doch, mit der guten alten Bimsstein­-Methode schrubbt sich alles blütenrein. Die Bar war voll, die auffallend jungen Menschen offen für jedes Gespräch, auch mit mir, dem Urgrossvater, dessen Ohren sofort streiken, wenn der Rundumlärm stark ist. Das Schönste: Niemand scheute den Alten, ganz natürliches Interes­se war da. Wie damals, als es weit und breit nur diese eine Ballnacht und nur dieses Lokal gab. Die gleiche starke Verbundenheit lebte jetzt auch hier und war selbstverständlich. Wir gingen hinein in den Saal, wo die überwälti­gende Musik einzig Tanz, rhythmische Bewegung und Berührung zuliess. Das, freilich, war nun total anders, dunkel vor allem, und zugleich elektrisierend, betörend, faszinierend. Wir entdeckten die schmale Galerie oben, verzogen uns dorthin, schauten zu, liessen uns treiben, sitzend nur, aber gänzlich aufgegangen in der Dichte des Ganzen. Es gab Darbietungen, ähnlich wie im KREIS und doch total anders. Wir blieben sehr viel länger als anfangs gedacht, jede Zeit war vergessen, ich war einfach glücklich. Wieder draussen bei der Bar sprachen uns viele an, hatten Fragen, wollten zuhören, brachten uns in die Fotoecke zu «Selfies», die ganz selbstverständ­lich fröhlich, locker wurden. Ich weiss gar nicht mehr, wie oft ich den roten Knopf drückte. Er erinnerte mich an einen Fliegenpilz und ich denke fest, von seiner besonderen Kraft fliesst seither etwas in mei­nen Adern. Es wird mich an den nächsten Milchball bringen.

Zu gerne wäre mit Giovanni auch mein Partner Röbi mit dabei gewe­sen. Aber seine Gesundheit erlaubte es ihm nicht. Dafür sah er alle Bilder, auch alle Videos und hörte unsere Berichte und Schilderungen.

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