Viewing entries tagged
Luzia

Nichts Neues aus der Traumfabrik

Comment

Nichts Neues aus der Traumfabrik

Der kürzlich publik gemachte Skandal um Harvey Weinstein zeigt, wie es um Gleichstellung steht in Hollywood. Doch wie sieht das Kulturgut aus, das von einer durch und durch sexistischen Kultur produziert und konsumiert wird?

Luzia, 20   Buchhändlerin aus Zürich

Luzia, 20

Buchhändlerin aus Zürich

Kürzlich sah ich mir einen der vielen, vielen Zombiefilme dieser Welt an. Lieber hätte ich mit Teetassen geworfen oder den Fernseher ausge­schaltet, wenn nicht neben mir jemand geses­sen hätte, der den Film auf unerklärliche Weise gut fand. Ausgangssituation: Durchschnittliche, pubertierende Cis­-Jungs in ihrem durchschnittli­chen Leben agieren mit ihren durchschnittlichen Freunden, Schwärmereien, Problemen und ih­rem mittelschlechten Charakterdesign. Das geht so etwa eine Viertelstunde lang, dann haben die anderen Figuren ihren Auftritt – die ebenfalls cismännlichen, idealisierten und etwas älteren Jungs, die alles haben, was die durchschnittli­chen Jungs wollen: Ein noch schlechteres Cha­rakterdesign, ein grösseres Auto, und – jetzt kommt’s – Freundinnen.

Wer auch immer hinter der Kamera stand, schien plötzlich müde Arme zu haben; jedenfalls wurde offensichtlich viel Wert daraufgelegt, dass die Brüste der weiblichen Darstellerinnen niemals aus dem Bild verschwanden. Überhaupt war über die Spielzeit verteilt öfter von Brüsten die Rede als von denkenden, fühlenden Individuen.

Verfange ich mich in den Details eines Zombie­films mit einem Rating von 48% auf Rotten Tomatoes? Ist die Erklärung für die einseiti­ge Sichtweise das grottenschlechte Drehbuch (anders als männliche Zombies strippen die weiblichen vor dem Angriff erstmal eine Runde) und das Budget von läppischen 15 Millionen Dol­lar? Wenn es nur so einfach wäre.

1975 veröffentliche Laura Mulvey, eine britische Filmkritikerin, einen Essay mit dem Titel «Visuel­le Lust und narratives Kino».

Darin beschrieb sie das Phänomen des Male Gaze (auf Deutsch in etwa: männliches Starren), das in vielen Filmen inflationär auftritt und in dem die Kamera die voyeuristische Perspektive eines heterosexuellen, cismännlichen Stereotyps ein­ nimmt. Diese reflektiert ein Machtgefälle, in dem die Frau das passive, attraktive Objekt ist und der Mann der aktive Part, der das Objekt durch seinen forschenden Blick in Besitz nimmt. Den Male Gaze erkennt mensch daran, dass Frauen von der Kamera und vom Drehbuch zu sexuel­len oder romantischen Objekten, zu einer rei­nen Deko fürs Auge, degradiert werden. Frauen spielen eine sehr untergeordnete oder ergän­zende Rolle; sie sind da, um die Geschichte der männlichen Hauptfigur in die richtige Richtung zu lenken oder auch nur, um die Schaulust der männlichen Zuschauer zu befriedigen.

Von übelerregend offensichtlich bis hin zu leid­lich subtil ist der Male Gaze in Serien, Filmen und Werbungen vertreten. Er ist ein Problem der Kul­tur, die ihn erschaffen hat. Auch der gefeierte und mehrfach ausgezeichnete «Wolf of Wallstreet» hatte ein Budget von etwa 100 Mio. Dollar, wurde von Hollywoodliebling Martin Scorsese gedreht und stellt Frauen als ein ähnlich erschwingliches Konsumgut wie Kokain dar.

Auch Filme, die sich ausdrücklich an weibliche* Jugendliche richten, sind oft übersät von objektifizierenden Darstellungen und männlichen* Charakteren, die sie begutachten oder bewerten. Selbst die Macher von High­School Musical konnten es nicht lassen, männlichen Zuschau­ern die Macht des aktiven Blickens zu geben und den Frauen* im Publikum und jenen, die ein Paar Brüste und eine Vagina haben, klarzumachen, was sie in ihren Augen sind: Eine Leinwand, auf die heterosexuelle, cismännliche Vorstellungen projiziert werden können. Der Male Gaze ist ein Symptom einer Kultur, die Frauen* jegliche Exis­tenz ausserhalb des männlichen* Sichtfelds ab­ spricht: Wir haben keinen Alltag, kein eigenes Begehren, keine hässlichen Seiten, keinen Charakter.

Woher das Phänomen des Male Gaze kommt, scheint klar: Frauen sind in der Filmindustrie sowie in der bildenden Kunst und der Werbe­branche auch heute klar unterrepräsentiert. Wo mit viel Geld produziert wird, sind es meistens Cis­-Männer, die das nötige Vertrauen erhalten. Auch der kürzlich aufgedeckte Skandal um Har­vey Weinstein zeigt, wie es um Gleichstellung steht in der Traumfabrik. Daran ändert sich nur sehr langsam etwas. Zwar hat die Filmindustrie entdeckt, dass auch Frauen* gern ins Kino ge­hen, aber statt Regisseur*innen zu verpflichten, werden Cis­-Männer für «Frauenfilme» einge­spannt, was zu cinematographischen Desastern wie Bride Wars führt: Zwischen zwei Freundin­nen bricht ein Krieg aus, nachdem sie durch ei­nen Fehler denselben Hochzeitstermin in einem Luxushotel zugeteilt bekommen. Der Film wurde von Kritiker*innen zerrissen und war trotzdem ein finanzieller Grosserfolg – Regie führte ein Cis­Mann.

Dass die fehlende Repräsentation fatal ist für die Selbstfindung queerer Jugendliche, ist klar. Dazu kommt, dass weiblich identifizierte Menschen zum einen nur schlanke, weisse und charakter­lose Stereotype zu Gesicht bekommen und dass ihnen zum anderen vermittelt wird, ihr Ausse­hen sei ihr einziges Attribut. Männer* hingegen verinnerlichen ihr «Recht», Frauen* abseits der Leinwand zu objektifizieren, wie es ihnen im­mer vorgelebt wird. Eine mögliche Erklärung für die exzessive Gewalt an Menschen, die weder als eindeutig weiblich noch als definitiv männ­lich gelesen werden können, ist, dass sie durch das binäre Raster dieser Ungleichheit fallen und deshalb für mache Cis­Männer eine Bedrohung darstellen.

Wir verdienen mehr als das. Junge Frauen*, die nach Halt suchen, verdienen mehr als das. Des­ halb dürfen wir diese Dinge, die von Nicht-­Fe­ minist*innen so gern als Kleinigkeiten abgetan werden, nicht mehr hinnehmen. Wir dürfen uns nicht mehr sagen lassen, dass es sich nicht lohnt, angesichts von sexistischer Kackscheis­se wütend zu werden. Machen wir die Idee von Frauen* als Statistinnen in einer männlichen* Welt endgültig zunichte!

Comment

Der mit der Esoterik und  dem langersehnten Safe Space

Comment

Der mit der Esoterik und dem langersehnten Safe Space

Magie entsteht zwischen den Ohren. Ich bin überzeugt davon. Sie ist so menschgemacht wie die Wissenschaft und so vieles, was wir in einer Statistik festhalten können. Sie entsteht, wo Funken sprühen und Blicke sich verschränken, wo Anderssein zu Normalität und Scham zu Stolz wird. Die Milchreise war voller magischer Menschen,die die Liebe und das körperliche Empfinden anderer nicht rationalisieren mochten. Ich kenne nur eine Version dieser Magie, und das ist die meinige. Da sie alles ist, was ich habe, werde ich sie hier aufschreiben.

Freitagnachmittag

Luzia, 20   Buchhändlerin aus Zürich

Luzia, 20

Buchhändlerin aus Zürich

Ankunft am Luzerner Bahnhof. Bekannte Gesichter, die die unbekannten mit der Regenbogenflagge zum richtigen Gleis lotsen. Aufgekratztes Diskutieren und Gestikulieren auf der Hinfahrt, Vorfreude, Gelächter. Welchen Workshop hatte wer noch einmal angeklickt? Wer geht mit wem in welches Zimmer? Der Zug hält an, die aufragenden Berge sind von erschreckender Schönheit. Koffer schleifen über Gras und Kies, die Harry Potter-Fans finden sich und fallen, ins Gespräch vertieft, zurück, holen die Gruppe erst ein, als sie gleichzeitig anhält, um eine einzelne Katze zu streicheln. Verwirrte Blicke von Vorbeigehenden. Das Haus kommt in Sicht. Wir beziehen unsere Zimmer, reissen die Fenster auf, lassen uns auf die Betten fallen. Dann geht es weiter zum Dachboden, um sich kennenzulernen.

Wir setzen uns mit den anderen Teilnehmer_innen unserer Workshops zusammen, machen Namensschilder aus Stoff und pinnen sie an unsere Kleider. Irgendwie sehe ich nach ein paar Stunden an der Milchreise immer aus wie ein queerer Weihnachtsbaum – mit Schleifchen aus Bastelmaterial, Stickern, Glitzer. Der Abend beginnt, die Küche, die rund um die Uhr zu rackern scheint, wartet mit Abendessen auf.

Danach beleben wir das Haus vom Giebel bis zum Keller, manche gehen schlafen, manche tanzen, manche sitzen ins Gespräch vertieft auf den Sofas und an den Tischen in den Gängen. Ein buntes, lebendes Wimmelbild. Auf einem Balkon wird gesungen und getrunken, vom Platz unten dringen Stimmen in die kalte Herbstluft. Mir ist warm, als sässe ich an einem Lagerfeuer. Ich habe Energie für drei, vielleicht spüre ich auch einfach die Müdigkeit nicht. Um etwa drei Uhr geht es tatsächlich ins Bett. Es fühlt sich an wie ein schöner Liebeskummer, für ein paar Stunden Abschied zu nehmen.

Samstag

Morgenmenschen scheinen auch unter falschsexuellen Leuten in der Minderheit zu sein. Der Tag ist voll: Wir haben vieles vor. Im Speisesaal treffen sich die Wissbegierigen zum Genderworkshop, im Keller machen sich die Kreativen daran, Neues zu erschaffen. Die Schauspieler_ innen gehen auf den Dachboden, die Out- door-Freaks verziehen sich nach draussen. Ich würde mich ab liebsten vierteilen, um überall dabei sein zu können.

So verstreichen der Vor- und der Nachmittag. Fehlt mir die Beschäftigung, schleiche ich mich in den Geschichtsworkshop. Ich lasse mich von der Begeisterung der Teilnehmenden für die Vergangenheit des Kampfs um die Rechte von Frauen und falschsexuellen Menschen anstecken. In diesem Kreis findet sich wohl niemensch, der nicht gern einmal mit Judith Butler einen Kaffee trinken möchte.

So ist der Abend plötzlich da. Draussen weht ein scharfer Herbstwind. Das Open Mic lässt mich sprachlos und tränenüberströmt zurück. Es ist fast unmöglich zu beschreiben, was in dir vorgeht, wenn du die Tanzfläche betrittst und jede Sorge vor ungewollten Berührungen oder verurteilenden Blicken zu Staub zerfällt. Ich und meine Lieblingsmenschen spielen auf dem Zimmer Tat oder Wahrheit wie hormonell verwirrte fünfzehnjährige. Der Abend wird im Zeitraffer zu einem atemlosen Gewirr aus Farben, Diskussionen, Gesichtern, Musik, Gelächter.

Sonntag

Der Abschied am nächsten Nachmittag ist schmerzhaft. Der Staat zerfällt in seine Puzzleteile, eine Art tonlose Fassungslosigkeit liegt in der Luft, weil dieses Wochenende unwiederbringlich vorbei ist. Wir haben neue Freundschaften geknüpft, uns verliebt, uns wurde der Kopf verdreht, unser Wissen erweitert. Wir können vielleicht gerade nicht darauf zurückgreifen, weil unser Puls sich normalisiert und uns der heteronormative Alltag entgegenschlägt, aber die Erlebnisse der Milchreise legen sich über das Jahr hinweg auf uns nieder wie ein warmes, schützendes Fell. Wir schwärmen aus, in alle Himmelsrichtungen, um die Welt ein Stück bunter zu machen.

Magie entsteht im Kopf. Sie ist alles, was wir nicht erklären können oder wollen. Ich habe bis jetzt noch niemenschen ausser mir gefunden, der mit dieser Aussage etwas anfangen konnte. Die Existenz von falschsexuellen Menschen ist wissenschaftlich bewiesen, es ist klar, dass wir uns unser Begehren und unser Empfinden nicht ausgesucht haben und uns nicht ändern könnten, selbst wenn wir wollten. Trotzdem ist für so viele die Frage, ob Queers alles verdienen, was nichtfalschsexuelle Menschen schon immer als selbstverständlich betrachten, vor allem eins: Ansichtssache. Wieso gibt es Menschen, die nicht hetero und cisgender sind? Braucht es uns? Die Wissenschaft sucht verzweifelt nach unserer Existenzberechtigung. Jemensch, der versteht, dass wir keine brauchen, zuckt die Schultern. Ich will einer dieser Menschen sein. Denn Magie ist real, auch wenn sie nur in unserem Kopf ist.

Comment

LES AMOURS IMAGINAIRES (HERZENSBRECHER) – XAVIER DOLAN (2010)

Comment

LES AMOURS IMAGINAIRES (HERZENSBRECHER) – XAVIER DOLAN (2010)

Luzia, 19  Buchhändlerin aus Zürich

Luzia, 19

Buchhändlerin aus Zürich

„Wenn ich in der Liebe einen Blick verlange, so ist es zutiefst unbefriedigend und ein immer schon verfehltes, dass du mich nie da erblickst, wo ich dich sehe“, zitiert der blondgelockte, gut aussehende Junge, tritt aus dem Buch- laden und überlässt die Protagonisten ihren überdrehten Gedanken. Das ist eine der eher sporadisch vorkommenden Szenen, in denen in Xavier Dolans zweitem Meisterwerk, 'Les Amours Imaginaires', tatsächlich gesprochen wird. Sentimental ist dieser Film, und manchmal schwer nachvollziehbar, ein Strudel aus Emotionen, Farben und Stimmungen.

Dolan ist gerade einmal 27 Jahre alt, schwul und der Shooting Star an Kanadas Kinohimmel. Seine Filme sind intensiv, farbenfroh und kommen nie zur Ruhe.

Gefühle unter der Lupe

Die Situation: Bei einer Party lernen Marie (Monia Chokri) und Francis (Xavier Dolan) Nicolas (Niels Schneider), einen leichtfüssigen Adonis, kennen und verlieben sich beide in ihn. Über Monate hinweg führt der Film uns durch eine problematische Dreiecksbeziehung, in der keine_r der Involvierten be- reit ist, die eigenen Gefühle preiszugeben. Dabei ist ein roter Faden in der Geschichte zweitrangig, sie wird eher locker durch Bilder und Schauplätze erzählt. Dafür protzt der Film mit ungewöhnlichen Stilmitteln, Zeitlupe und Farbfilter werden gejagt von Strobo und plötzlich eingeblendeten Bleistift- zeichnungen und machen den Film zu einem einzigen Musikvideo. Dazwischen sind da noch die wunderschönen Interviews, in denen namen- lose Mittzwanziger von ihren romantischen Fiaskos erzählen und damit die Dreiecksbeziehung in der Hauptstory in einen Kontext setzen.

Dolan will das reine, unverfälschte Gefühl der Verliebtheit aus seiner Materie lösen und es den Zusehenden unter die Haut spritzen, sie zwingen, die eigenen Erfahrungen nochmals zu durchleben.

Der Regisseur macht Filme für die Leute seiner Generation, Filme, die sich mit starken Gefühlen und Eskapismus beschäftigen und deren Charaktere noch mit dem Leben zu kämpfen haben, zu jung, um Fuss zu fassen. Sie werden nie bei der Arbeit dargestellt, viel eher in schicken Kleidern vor Theatern, in Bars und in Landhäusern, gern mit einer Zigarette in der Hand. Dass dies manchen nur ein Gähnen entlocken mag, ist nachvollziehbar. Was Dolan aber geschafft hat, ist, die überlebensgrossen Gefühle der Oper fürs Kino salonfä- hig zu machen. Und das macht ihm so schnell niemensch nach.

Comment