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Meine Meinung

VON DER ANGST, POLITISCH ZU SEIN

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VON DER ANGST, POLITISCH ZU SEIN

«No fear to be you – Sicherheit für LGBT-Flüchtlinge» lautet das diesjährige Pridemotto.Das Pridekomitee kritisiert in seinem Statement die Situation der «LGBT-Flüchtlinge» in der Schweiz geht dabei aber leider nicht weit genug.

MEINE MEINUNG

Alex Aronsky (26), Koordinator_in des Bê Sînor Cultural Center bei Thessaloniki

Natascha ist müde. Sechs Stunden hat ihr Asylinterview gedauert. Sechs Stunden hat die pakistanische Transfrau unbekannten Menschen des griechischen Asylwesens erzählt, von wem, wie viele Male und wie sie ihr Leben lang misshandelt und vergewaltigt wurde. Das sei nicht genug, sie wollen ein zweites Interview mit ihr. Dass Natascha in Griechenland Ähnliches erlebt hat, wollen die Beamt_innen nicht hören. Eigentlich will Natascha nicht in Griechenland bleiben. Aber für Menschen aus Pakistan gibt es, seit die Grenzen vor über einem Jahr geschlossen wurden, keine legale Chance weiterzureisen. Das Relocationprogramm gilt nur für Menschen aus bestimmten Herkunftsländern, Pakistan gehört nicht dazu. Sowieso kamen von den 160'000 Menschen, welche die EU auf ihre Mitgliedstaaten und die Schweiz verteilen wollte, bis heute gerade mal ein Zehntel weiter.

Schauplatzwechsel in die Schweiz: Dieses Jahr versucht die Pride auf Menschen wie Natascha, die es aber im Gegensatz zu ihr in die Schweiz geschafft haben, aufmerksam zu machen. Die Forderungen des Pridekomitees reichen von der Anerkennung der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität als Fluchtgrund, über Sensibilisierung der Angestellten im Asylbereich bis zur Unterbringung in speziellen Unterkünften. Es wird klargestellt, dass an der Pride kein Rassismus geduldet wird. Scheint alles gut so weit. Ist also die bisherige Kritik an der Pride überflüssig? Kann nun über den Kommerz, die Polizeifreundlichkeit und die Teilnahme rechtsbür- gerlicher Parteien hinweggesehen werden? Leider nicht.

Fehlende Repräsentation durch die Pride

Das findet auch die in Zürich letzten Herbst gegründete Gruppe «eyduso», die sich an alle Queers richtet, die sich von der Pride misrepräsentiert fühlen. Alex ist seit den Anfängen mit dabei und beschreibt «eyduso» als sehr divers. «Was uns aber verbindet, ist, dass wir uns nicht repräsentiert fühlen von vielen LGTBIQ+-Kontexten und Gruppen wie zum Beispiel der Pride.» Der Name der Gruppe wurde erwürfelt, die Standpunkte sind noch nicht detailliert ausgearbeitet und die Gruppe ist sehr heterogen. Die interviewten Mitglieder weisen denn auch immer wieder darauf hin, dass sie nicht für die ganze Gruppe sprechen können. Wo sie sich aber einig sind, ist gemäss Alex «dass die Pride kapitalistisch, rassistisch, sexistisch und pro Polizei ist, was wir alle doof finden.»

Einer der Kritikpunkte von «eyduso» ist die Teilnahme der Pink Cops an der Zürich Pride. Merlin*, ein weiteres eyduso-Mitglied, erwähnt, dass viele Leute in der Gruppe schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht hätten. «Die fühlen sich nicht wohl und erst recht nicht repräsentiert.» Die Polizei steht auch für das staatliche Grenzregime Europas, das dazu führt, dass Tausende von Menschen an den Rändern Europas in unmenschlichen Bedingungen leben oder sterben. Im Jahr 2016 kamen über 5'000 Menschen beim Versuch das Mittelmeer in einem Gummiboot zu überqueren um. Dies nur, weil die Politik der EU sichere Fluchtwege verunmöglicht.

Und auch die bürgerlichen Parteien SVP, CVP, BDP und FDP, die für diese Politik verantwortlich sind, nehmen jährlich mit ihren Homogruppen an der Pride teil. Timo, auch ein Mitbegründer der eyduso, fordert im Interview, dass wenn sich die Pride wirklich bessern wollen würde, diesen Gruppen die Teilnahme verboten werden müsste.

Die Grenzzäune der Bürgerlichen

Diese Forderung stösst beim Prideverein nicht auf offene Ohren. Der Vizepräsident Alan David Sangines hält im Interview fest, dass an der Zürich Pride niemand ausgeschlossen werde. Er erhofft sich von der Teilnahme bürgerlicher Parteien, dass jene auf die politischen Forderungen im Pridestatement, behaftet werden können.

Das führt zum Paradox, dass diese Gruppen an einem Tag die Grenzzäune immer höher ziehen wollen, am nächsten aber mit geflüchteten Menschen für deren Rechte kämpfen sollen. Diejenigen Menschen, die aufgrund dieser Politik in der Türkei, in Griechenland, auf der Balkanroute oder in Libyen feststecken, werden denn auch nicht an der Pride mitlaufen. Die Umstände, die dazu führen, werden nicht kritisiert. Natascha, die in Griechenland festsitzt, findet im Pridestatement keinen Platz.

Alan sagt, dass das Thema Flüchtlinge in der Community «ohnehin umstritten» sei. Er erinnert sich, dass an der Generalversammlung der Pride das Motto von Mitgliedern als «heikel» bezeichnet wurde, mit der Frage verbunden, ob das Thema noch geändert werden könne. Dieser Unwille eine klare Stellung zu beziehen, führt denn auch zu den oben genannten Widersprüchen. «Die Kritik ist einfach nicht vollständig», findet auch Merlin* von eyduso. Denn die Gründe, warum Menschen flüchten und die Forderung nach sicheren Fluchtwegen würden nicht erwähnt.

Mehr Politik statt Party

Der Prideverein finanziere laut Alan auch andere Projekte, um LGBTI*- Flüchtlinge zu unterstützen und versuche Aufklärungsarbeit zu leisten. Dieses Engagement ist schön und wichtig und trotzdem ist es ein Schritt zu wenig. Es ist ein Wille da, intersektionale Diskriminierungen anzuerkennen. Die Angst, bürgerlichen Gruppen auf die Füsse zu treten, ist aber zu gross. Der Kampf für LGBTI*-Rechte kann nicht losgelöst von Rassismus, Kapitalismus und anderen Machtstrukturen geführt werden. Das wurde in vergangenen Jahren an der Zürich Pride aber kaum sichtbar und es ging fast vergessen, dass wir eigentlich immer noch protestieren. Durch die Wahl dieses Themas hat der Verein immerhin einen Versuch gewagt, die Pride wieder zu politisieren. Aber für eine Pride, die mehr Demonstration als Party ist, muss mensch sich auch politisch positionieren und dementsprechend konsequent sein.

*Name der Redaktion bekannt

Unterschiedliche Meinungen gibt‘s auch bei der Milchjugend und das schätzen wir sehr. Manche Menschen haben traumatisierende Erfahrungen mit Polizist*innen gemacht und kritisieren deswegen polizeiliche Aktionen an der Pride, andere fühlen sich sicherer, weil sie wissen, dass sie die Polizei vor homo- und transphober Gewalt im öffentlichen Raum schützt. Das war nicht immer so. Auch dank Pink Cop sind viele Polizist_innen heute sensibler dafür. Deshalb arbeiten wir gerne mit Pink Cop, dem Verein für LGBT-Polizist_innen, zusammen. Wir finden es richtig und wichtig, dass Pink Cop an der Pride mitläuft. Auch die Arbeit der ehrenamtlich engagierten Menschen der Pride schätzen wir - besonders darum, weil wir die Entwicklung der letzten Jahre sehen: Mehr Politik, bessere Zugänglichkeit und eine grössere Offenheit für das ganze Spektrum der Community. Deshalb sind wir lautstark dabei und verändern damit auch die Pride. Sei auch du dabei: milchjugend.ch/jugendpride

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