Viewing entries tagged
Robert

Comment

Genderless & Cis-Genderless

Zwei Identitäten im Interview

Das Geschlecht einer Person ist nicht immer Mann oder Frau. Wie bei vielem gibt es auch hier ein Spektrum. Manche Menschen ordnen sich auch gar nicht auf diesem Spektrum ein. Zwei Menschen erzählen über ihre Labels genderless und cisgenderless.

Robert, 23   Student aus Liebefeld

Robert, 23

Student aus Liebefeld

Genderless

Erzähl ein wenig über dich (Pronomen, Hobbies, was du sonst noch so sagen magst).

Mein Name ist Riley Alexis, meine Pronomen sind dey, deren und denen oder they/them im Englischen. Meine Hobbys sind vor allem Katzen­videos im Internet anzuschauen und mich mit allen Hunden in der Nachbarschaft zu befreunden. Ich schaue gerne Cartoons, Anime, Filme und Netflix, und sitze dabei meistens auf meinem Bett und stricke oder häkle was.

Was bedeutet genderless (für dich)?

Genderless bedeutet für mich, frei ausdrücken zu können (und zu dürfen) wie ich mich fühle. Ohne mich auf soziale Geschlechter­Ideale beschrän­ken zu lassen. Es gibt mir Kraft, einfach mich selbst zu sein, statt ständig Menschen zu erklä­ren, ob ich Mann oder Frau bin, und auch frei von dem sozialen Druck mit Kleidern oder Schminke es beweisen zu müssen. Egal wie ich mich präsentiere oder kleide, ich bin immer noch ich.

Seit wann identifizierst du dich mit diesem Label? Wie kamst du dazu?

Seit mehr als 4 Jahren identifiziere ich mich spezi­fisch als agender bzw. geschlechtslos. Davor habe ich mich eher auf den Überbegriff non­binary be­zogen, um mehr Platz zu haben für Fluidität, und Raum zu lassen, um mich noch zu entdecken. Das Label androgyne (und alles was für Androgynität steht), habe ich schon früh, als Kind, kennenge­ lernt und gemerkt wie passend dieses Wort ist.

Warum ich mich aber mehr mit agender identifi­ziere, ist vor allem aus der Frustration gekommen: Ähnlich wie bei meiner Sexualität waren Mit­menschen zwar verständnisvoll, aber konnten es nicht lassen, permanent zu fragen, ob ich heute eher Mann bin oder wie viel Frau ich bin. Oder warum ich mich nicht wie eine Frau kleide und wenn ich dann einmal ein Kleid trage, ob ich nicht wirklich eine Frau sein möchte. Ständig den Druck zu spüren, mich zu rechtfertigen, als müsse ich mein Geschlecht ganz genau in Pro­zent angeben und kontinuierlich aktualisieren – damit cis­ Menschen auch ganz genau sehen auf welche Seite ich im Moment eher neige, um mich dann definitiv in eines ihrer Böxchen zu quet­schen und zu urteilen, was ich anhand dieses Böxchen tun soll, sagen soll und wie ich auszu­ sehen habe. So fand ich: «Nö, die können mich Mal, ich muss mich nicht rechtfertigen.» Anstelle zu sagen: «Ich bin irgendwie zwischen Mann und Frau», fing ich an zu sagen: «Ich bin einfach we­der noch und keins von denen».

Das Wort agender genau wie queer gab mir wie­ der Kraft, über mich selbst zu bestimmen, ohne ständig meine Sexualität oder mein Geschlecht zu erklären und rechtfertigen. Dass ich einfach so sein kann, wie ich gerade Lust habe und wie ich gerade bin.

Wie wichtig sind Labels für dein Wohlsein?

Schwierige Frage. Ich wünsche mir schon, dass mensch mein Geschlecht anerkennt. Aber ich muss auch nicht jedem x­beliebigen Menschen einen sechsstündigen TED­talk über das Geschlechterkonstrukt, Queer und Gender Studies halten. Ich bin froh, wenn ich weder als Mann, noch als Frau gesehen werde und auch so be­handelt werde. Doch ich werde jetzt niemensch den Kopf umdrehen, nur weil er_sie agender nicht aussprechen kann. =}

Was würdest du jemensch sagen, der sich seiner Labels unsicher ist?

Es ist völlig okay unsicher zu sein, auch ich habe heute noch Momente, wo ich unsicher bin. Lasst euch Zeit euer Label zu finden. Bezieht euch vorerst auf allgemeinere Labels, wie queer oder questioning, bevor ihr euch mit Labels selbst einschränkt. Es ist auch voll okay mehrere Labels zu haben und über die Jahre neue oder andere Labels für sich zu bestimmen. Do you. It’s gonna be fine. You define your label your label doesn't define you (Du definierst dein Label, dein Label definiert nicht dich).

Cis­-Genderless

Erzähl ein wenig über dich (Pronomen, Hobbies, was du sonst noch so sagen magst).

Ich heisse Henrik, meine bevorzugten Pronomen sind er und they, ich spiele viel Theater, singe und tanze, schreibe leidenschaftlich gerne Texte und mag unheimlich gerne Gesellschaftsspiele. Pla­ton hat mal gesagt: «Beim Spiel kann m[ensch] einen Menschen in einer Stunde besser kennen­ lernen, als im Gespräch in einem Jahr.»

Was bedeutet cis­-genderless (für dich)?

Cis­-genderless bedeutet, im Grunde keine eige­ne Geschlechtsidentität zu haben und sein bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht als Identi­tät anzunehmen. Für mich bedeutet es, meinem Geschlecht gegenüber indifferent zu sein, ich fühle mich nicht verbunden mit Konzepten von Männlichkeit oder Weiblichkeit, habe aber auch irgendwie kein Problem als Frau oder Mann an­ gesehen zu werden. Am liebsten bin ich einfach nur Mensch, ohne weitere Kategorisierung.

Seit wann identifizierst du dich mit diesem Label? Wie kamst du dazu?

Vor einem Jahr war ich auf einem Seminar, wo es eine Männer­ und eine Frauenrunde gab. Ich fühlte mich irgendwie wohl Teil der einen Gruppe zu sein, doch ein Teil von mir fühlte sich fehl am Platz. Seither drücke ich in solchen Seminaren den Wunsch aus als Mensch und nicht als Mann oder Frau betrachtet zu werden. Ich konnte mich aber nicht recht mit dem Label genderless identi­fizieren, da ich ja kein Problem hatte, als Frau oder Mann angesehen zu werden. Erst als ich kürzlich einen Forenpost auf asexuality.org über das The­ma cis­-genderless fand, hatte ich ein Label ge­funden, um auszudrücken, wie ich mich fühle.

Wie wichtig sind Labels für dein Wohlsein?

Als ich ein Label für mein Empfingen hatte und las, wie andere sich ebenso damit identifizierten, fühlte ich mich irgendwie geborgen. Es stärk­te mich in dem Kampf gegen die willkürlichen Geschlechterrollen und liess mich wissen, dass ich nicht verrückt bin. Für mich sind Labels sehr wichtig, denn sie geben mir ein Werkzeug, um mich gegen die Heteronormativität aufzuleh­nen, um zu sagen: «He, wir sind nicht alle gleich imfall!» Ich glaube, dass durch die Vielzahl der Labels, die Menschen irgendwann verstehen, dass Geschlecht und Sexualität von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist.

Was würdest du jemensch sagen, der sich seiner Labels unsicher ist?

Lass dir Zeit! Die einzige Person, die weiss, wer du bist und wie es sich anfühlt du zu sein, bist du. Keine_r kann dir einreden «so und so» zu sein, niemensch hat das Recht dich zu katego­risieren. Sei einfach du, auch wenn das nicht im­ mer so einfach ist.

Comment

Priscilla - Königin der Wüste

Comment

Priscilla - Königin der Wüste

Robert, 22  Student aus Liebefeld

Robert, 22

Student aus Liebefeld

Der Kultfilm aus dem Jahre 1994 erzählt von drei Dragperformer_innen, die ins australische Outback fahren, um in Alice Springs eine Dragshow auf die Bühne zu bringen. Die drei Performer_innen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bringen dem Film seine erfrischende Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit; die Figuren sind nicht eine Karikatur der LGBT+ Community, sondern stehen mit all ihren Problemen und Fragen authentisch vor der Kamera. Die Rolle der Bernadette Bassinger (gespielt von Terence Stamp) bringt Tiefe in die Unterhaltungen und kritisiert die Unreflektiertheit der jüngeren zwei Queens, Adam Whitely respektive Felicia Jollyfellow (gespielt von Guy Pierce) und Anthony «Tick» Belrose respektive Mitzi Del Bra (gespielt von Hugo Weaving). Bernadette, eine Transfrau mittlernen Alters besticht nicht nur mit ihrem «Resting-Bitchface» sondern auch mit ihren unglaublich schlagfertigen Antworten. Themen wie Liebe, Familie, Diskriminierung und Selbstliebe gleichen die komödiantischen Unterhaltungen und Showeinlagen aus und so entsteht eine abgerundete Tragikkomödie. Einzig sauer stösst die stereotypisierte Figur der Cynthia auf – eine Phillipina, die nicht nur hysterisch und sexistisch dargestellt wird, sondern auch durch ihre Show (in der sie Pingpongbälle aus ihrem Sexualorgan presst) vielschichtigen Rassismus gegenüber Phillipinas unterstützt. Produzent Al Clark verteidigt ihre Rolle, denn Cynthia sei ebensowenig repräsentativ der phillipinischen Frauen wie die drei Dragperformer_innen repräsentativ der australischen Männer und Transfrauen seien. Diese Problematik beiseitegestellt hat Stephan Elliott einen Film produziert, der einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit und Nahbarkeit von LGBT+ Menschen geschaffen hat.

Comment

FALSCHSEXUELLE WELTREISE

Comment

FALSCHSEXUELLE WELTREISE

Nicht nur auf eine falschsexuelle Zeitreise entführen wir Euch, sondern auch auf eine falschse- xuelle Weltreise. Wir stellen Euch Menschen vor, die überall auf unserem Planeten verstreut le- ben. Egal ob in Jerusalem, Kuala Lumpur, Belgrad oder sonst irgendwo – wir haben die Falschse- xuellen aufgespürt und mit ihnen meist per Mail oder per Skype Interviews geführt. Sie erzählen davon, wie es ist, an ihrem Ort falschsexuell zu sein und wie Ihnen ihre Stadt gefällt.

 

Bildschirmfoto 2018-07-05 um 15.08.42.png

Erin Busbee ist 25 Jahre alt, lesbisch und arbeitet mit und für die LGBT+ Jugend, um ein sicheres und unterstützenderes Umfeld aufzubauen. Ausserdem setzt sie sich dafür ein dass mehr Informationen zum Thema Sex für die ganze Jugend bereitstehen.

Lebst du gerne in Ann Arbor?

Ich liebe es, in Ann Arbor in Michigan zu wohnen!

Wie ist es hier falschsexuell zu sein?

Was ist mit «wrongsexual» gemeint? Ist das wortwörtlich übersetzt? Das klingt ziemlich gemein.

Ja, in unserer Gruppe benutzen wir das ironisch. Sozusagen: Ihr Menschen haltet uns für nicht normal und denkt, dass unsere Lebensweise falsch ist. Ok, dann sind wir wohl falschsexuell. Ist uns egal. Wir leben trotzdem so... Es ist auch ein kollektiver Begriff für alle Menschen, die nicht hetero- sexuell sind.

Okay, cool. Danke für die Erklärung! Ann Arbor ist die liberalste Stadt im Staat Michigan. Eine der grössten Universitäten des Staates befindet sich hier und die Stadt ist voll mit «Hippies», sie ist allgemein als offen bekannt und viele queere Menschen aus andern Orten des Staates ziehen hierher, um sich wohler zu fühlen. Trotzdem hat dieser Staat keinen Schutz für queere Menschen, du kannst also trotzdem gefeuert werden oder einen Job oder eine Wohnung gar nicht erhalten wegen deiner Sexualität oder Geschlechtsidentität/-auslebung. Ausser eine Firma hat da eigene Richtlinien.

Werden LGBT+-Menschen hier diskriminiert?

Ich habe einen Job, bei dem ich mit queeren Jugendlichen arbeite und für sie einstehe. Es ist ziemlich gleich wie bei den Erwachsenen: Die Situation ist, dass es keine staatlichen Gesetze oder Richtlinien gibt, welche die queere Jugend vor Diskriminierung oder Mobbing durch andere Jugendliche oder Erwachsene an Schulen oder in der Öffentlichkeit schützen. Es kommt sehr auf die Stadt und die Schule an. Mobbing ist definitiv häufiger und härter für die queere Jugend und jene, welche als queer angesehen werden. Es entstehen jedoch in jeder Stadt, in den Bezirken und im ganzen Staat immer mehr Orte, geschaffen von Jungendlichen und Erwachsenen, für Jugendli- che und Erwachsene, wo sie Hilfe erhalten und für Antidiskriminierungsgesetze und -politik kämpfen.

 

Dušan Pavlovic ist 21 Jahre alt, schwul und studiert Japanologie in Belgrad. Er ist in einer kleinen montenegrinischen Küstenstadt aufgewachsen und lebt seit einem Jahr in Serbien.

Wie ist es, falschsexuell* zu sein in Belgrad?

Sehr aufregend! Auch wenn ich sicher nicht im offensten Land oder in der offensten Stadt lebe und auch wenn immer noch viele Leute Probleme mit der falschsexuellen Community haben, so hat Belgrad auch seine guten Seiten. Und die Leute sind viel toleranter, als mensch denken würde.

Am wichtigsten sind die Menschen, mit denen mensch sich umgibt. Alles wird einfacher, wenn du Menschen um dich hast, die deine Interessen teilen, dich unterstützen und verstehen. Leider kenne ich viele Falschsexuelle, die grosse Angst haben, verurteilt zu werden und deswegen nicht sich selbst sein können.

Mensch muss mit sich selbst im Reinen sein und sich selber akzeptieren. Und auch akzeptieren, wo mensch lebt. Gewisse Dinge kann mensch alleine nicht ändern. Ich hatte richtig Glück, dass ich wundervolle Freund_innen und zwei grossartige Schwestern hatte, die mich unterstützten, als ich sie brauchte. Ich fühlte mich nie diskriminiert oder isoliert. Bis jetzt habe ich nur positive Erfahrungen als Falschsexueller in Belgrad gemacht. Die junge Generation hier ist sehr tolerant und informiert. Das gibt mir Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Falschsexuellen hier.

Wie ist die falschsexuelle Community?

Die Community ist grösser, als ich zuerst gedacht habe und obwohl ich noch nicht so lange in Belgrad lebe, habe ich schon viele tolle, einzigartige falschsexuelle Menschen kennengelernt. Natürlich habe ich auch meinen Freundeskreis, mit dem ich die meiste Zeit verbringe, aber es ist einfach, neue Leute kennenzulernen, wenn du die richtige Haltung hast und weisst, wo du suchen musst. Ich fühlte mich in der Community hier schnell zu Hause und total akzeptiert.

Gibt es Orte für Falschsexuelle in deiner Stadt?

Es gibt einige Gay Bars und Clubs hier, auch welche mit Dragshows. Am liebsten gehe ich an eine grosse Party, die ein oder zwei Mal im Monat an verschiedenen Orten stattfindet. Was ich am meisten mag, sind die Leute an den Partys und die positive Atmosphäre.

Gehst Du auch an die Pride in Belgrad?

Ich wohne noch nicht lange in Belgrad und seither gab es noch keine Pride. Ich denke aber, ich würde nicht an der Pride teilnehmen. Die meisten Leute hier, besonders die ältere Generation, sind noch nicht bereit für die Pride. Und es ist auch gefährlich.

Aber natürlich ist es wichtig, bei den Leuten ein Bewusstsein zu schaffen. Und wer weiss, vielleicht wird es irgendwann einmal besser, was die Pride anbelangt.

Was magst Du am meisten an deiner Stadt?

Oh, ich mag viele Dinge! Belgrad ist zwar weit davon entfernt, eine hübsche Stadt zu sein, aber es hat hier viele coole Vibes und es gibt so viele Orte, die mensch besuchen und auschecken kann. Ich habe noch nicht mal die Hälfte entdeckt und ich kann es kaum erwarten, die Stadt noch besser kennenzulernen. Ich mag mein Quartier, die Uni, das Nachtleben, Leute kennenlernen... Es ist so toll, wie schon eine einzige neue Beziehung zu einem Menschen den Lebensfluss ändern kann.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Leute ihre Augen und ihren Verstand öffnen. Es gibt viel Raum für Veränderung. Manchmal braucht es nur einen Menschen, um viele andere zu beinflussen. Was ich mir auch noch wünsche, ist, dass falschsexuelle Paare sich trauen, sich auf der Strasse zu küssen oder einander an den Händen zu halten – ohne Angst.

 

 

Imran Talib, 19 Jahre alt, ist schwul und lebt in Malaysia. Er ist entfernt verwandt mit einer guten Kollegin, sie hat ihn während ihrer Asien-Reise einige Male besucht und er hat sich sehr gefreut ein Teil dieser Interviewserie zu sein. Bald möchte er uns in der Milchbar besuchen.

Lebst du gerne in Kuala Lumpur?

Ja, ich liebe und geniesse es. Es ist lebhaft und ich habe meine Freund_innen hier, welche mich unterstützen.

Wie ist es, in Kuala Lumpur falschsexuell zu sein?

Beim Aufwachsen haben Religion und Gesellschaft eine grosse Rolle gespielt. Ich hatte schon immer diesen Hass darauf, wie ich wirklich bin, habe es aber versucht zu verleugnen. Dass ich «falsch» bin, wurde mir eingetrichtert, auch jene, welche nicht religiös sind, nahmen diese Sichtweise ein, sie ist derart in unsere Gesellschaft eingraviert. Es war schwierig für mich, meine Situation zu akzeptieren, obwohl ich sehr Glück hatte: Ich habe Zugang zum Internet und wir leben in einer Zeit, in der Menschen sehr offen über diese Themen sprechen. Die Online-Community hat mir sehr geholfen. Ausserdem bin ich sehr dankbar für meine Freund_innen, welche zuhören, lernen und sich gemeinsam mit mir weiterbilden. Es war also nicht so hart für mich.

Werden Menschen hier diskriminiert?

Auf jeden Fall. Ich denke, jeder, der mutig genug ist sich zu outen, wird mit Ausgrenzung konfrontiert. Es geschieht oft, dass junge Menschen aus dem Haus geworfen werden, sobald ihre Eltern erfahren, dass sie queer sind. Manche werden sogar körperlich... naja... es gibt Fälle, wo Menschen körperlich misshandelt werden. In letzter Zeit ist die Gewalt gegen Transmenschen in Malaysia gestiegen. Ich kann nicht nur über die Schwulenszene sprechen, wenn auch ein grosses Problem beim Thema Gender Identity besteht. Wer sich hier für eine Geschlechtsanpassung entscheidet, wird meistens aus der Familie verstossen.

Wie ist es bei deiner Familie?

Ähm, meine Eltern wissen von nichts. Ich bin nicht sicher, wie sie reagieren würden. Ich erinnere mich, als ich etwa zehn war – du kennst das, Mütter haben diese Instinkte (lacht) – hat meine Mutter mir oft gesagt, wenn ich Mädchen gegenüber nicht gleich empfinde wie meine Kollegen, dann könne ich es ihr sagen. Aber das ist lange her, ich habe noch nicht genug Mut, um es meinen Eltern zu sagen. Aber meine Cousins wissen es. Wir sind acht und drei davon sind schwul, das ist lustig, denn das ist mehr als der übliche Durchschnitt.

Gibt es einen Treffpunkt für falschsexuelle Menschen in Kuala Lumpur?

Ja, definitiv. Es findet sogar in zwei Wochen ein Event statt. Du kannst deine Kunst, die mit LGBT zu tun hat, einreichen und die wird dann dort gezeigt. Wir haben auch nichtstaatliche Organisationen, welche sich für gleiche Rechte für LGBT-Menschen einsetzen, zum Beispiel die Organisation «Regenbogen» in Jawi.

Wie ist die Situation für die falschsexuelle Community in Malaysia?

Die Community ist stark, laut und sichtbar. Für viele Jahre waren wir sehr still, aber ich glaube, als der Supreme Court in Amerika die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hat, hat das viele Möglichkeiten für die Communities in anderen Ländern geöffnet.

Aber gibt es hier nicht ein Problem mit dem Staat?

Oh, ja, schwuler Sex ist illegal hier, du wirst wegen Unzucht verklagt. Lesbischer Sex nicht. Lesben können also Sex haben, zwei Männer jedoch nicht...

Gibt es irgendetwas, was du sonst noch erwähnenswert findest?

Ich denke, dieses Problem ist nicht nur lokal. Malaysier_innen wären noch nicht so weit, wenn nicht LGBT-Menschen in anderen Ländern ihr Leben für diese Sache geopfert hätten. Wir leben in einer tiefgründigen Zeit, marginalisierte Gruppen sind sehr stark, wenn sie für sich einstehen.

Ich möchte auch die Erstweltländer, in denen LGBT-Menschen schon bessere Chancen haben, auffordern, sich mehr für Länder einzusetzen, in denen sie keine oder schlechte Chancen haben. Ich weiss, dass jeder seine eigenen Schlachten zu führen hat, aber ich denke, es ist auch wichtig zu wissen, dass wir immer noch ausgeschlossen und unterdrückt werden. Es wäre also hilfreich, wenn die internationale Community mehr über Malaysier_innen, Indonesier_innen oder auch Saudi-Araber_innen sprechen würde, welche sterben, nur weil sie sich selbst sind.

 

 

 

Rasaeli Honey Maharjan, 31, Kirtipur in Nepal, transgender

Bildschirmfoto 2018-07-05 um 15.26.43.png

Rasaeli Maharjan ist eine herzensgute Frau, die ich vor zwei Jahren in Nepal kennengelernt habe. Für mich ist sie Honey-Didi oder nur Didi, was auf Nepali «ältere Schwester» heisst. Legal ist sie aber noch ein Mann und duldet es, denn die Trans*rechte in Nepal sind verschwindend klein. Für Rasaeli ist es nicht einfach, einen Job zu finden. Sie wohnt jetzt schon seit zwei Jahren in einer Wellblechhütte, da ihr Haus seit dem Erdbeben im Frühjahr 2015 einen Riss in der Wand hat und ihre Frau Laximi Angst hat, dass das Haus einstürzt, wenn sie schlafen.

Wie ist es, in Kirtipur bei Kathmandu zu leben? Magst du Nepal?

Ja, ich lebe gerne hier. Denn ich bin hier geboren und wir sind das Land des Himmels [Buddha ist in Nepal geboren]. Ich möchte hier bleiben, aber manchmal ist es schwierig – speziell in Kirtipur. Hier gibt es noch viel Diskriminierung und Stigmatisierung.

Wie ist es, falschsexuell in Nepal zu sein?

Ich verkleide mich oft als Mann, damit ich nicht auffalle. Als Trans*frau ist es beinahe unmöglich akzeptiert zu werden. Aber als «er» bezeichnet zu werden, lässt mich jedes Mal unwohl fühlen. Ich fühle mich auch schlecht, weil die Menschen aus Nepal oft meinen, dass LGBT-Menschen von einem anderen Planeten kommen und nicht hierher gehören.

Kennst du andere falschsexuelle Menschen in Nepal?

Ja, ich habe viele Freunde, die unterschiedliche Sexualitäten und Genderidentitäten haben, jedoch gibt es keinen Ort, an dem wir uns treffen können und viele von uns sind in Not.

Gibt es Organisationen in Nepal, die Trans*menschen helfen?

In Kathmandu gibt es eine grosse Organisation (NCASC: National Centre for AIDS and STD Control), die auch Projekte hat, die sich für die LGBT-Community einsetzen. Jedoch liegt der Fokus auf der Gesundheit und nicht auf den einzelnen Schicksalen. Auch in der Organisation cruiseaids ist Hilfe nur limitiert verfügbar. Ab und an kann ich dort als Ausbilder und für Präven- tionsprogramme arbeiten, aber auch nur, wenn wir von der NCASC Gelder zugesprochen bekommen.

Was die Organisationen nicht realisieren, ist, dass uns am meisten geholfen wäre, wenn wir einen Job hätten. Das wäre die beste Prävention. Denn viele Trans*menschen sehen sich aufgrund der Arbeitslosigkeit gezwungen, Sexarbeit anzunehmen. Aufgrund der fehlenden Rotlicht-Milieus gibt es keinen sicheren Rahmen dafür und so verschlechtert sich die allgemeine Gesundheitsrate. Es ist ein Teufelskreis.

Was liebst du an deinem Leben?

Ich liebe meine Familie. Sie unterstützen mich und erlauben mir, der Mensch zu sein, der ich wirklich bin. Speziell meine Ehefrau Laximi ist da für mich an schweren Tagen. Sie ist sehr ehrlich, sagt mir, ich solle mich nicht darum kümmern, was andere denken und unterstützt die LGBT Community. Meine beiden Söhne Roberto und Devid sind 7 und 2 Jahre alt, darum habe ich ihnen meine Geschichte noch nicht erzählt. Sie nennen mich Mama, aber ab und zu auch Papa, denn mensch muss ja einen Papa haben. Ich hoffe, sie können mich auch akzeptieren und lieben wie Laximi, denn ich liebe sie sehr.

Was mach dir am meisten Sorgen?

Ich würde gerne meine Söhne in die Schule schicken, doch das kostet etwa 20 Euro pro Monat. Das Geld, welches ich als Local Guide oder von meiner Arbeit im Gästehaus verdiene reicht so knapp aus, aber es ist immer eine unsichere Situation, bis ich wieder einen Job finden kann.

Auch hat mein Bruder immer noch ein Alkoholproblem. Wenn er trinkt, dann wird er manchmal gewalttätig. Aber er liebt seine Neffen und mich als seinen Bruder. Leider nicht als Schwester, aber immerhin.

 

 

Bildschirmfoto 2018-07-06 um 13.49.31.png

Eyal Lurie-Pardes ist 22 Jahre alt, bisexuell und lebt in Jerusalem, wo er auch aufgewachsen ist. Er studiert Recht und Geschichte an der Hebrew University und ist Menschenrechtsaktivist. Im September wird er uns am lila. Festival besuchen kommen und mit seiner selber geschriebenen Musik verzaubern.

Wie ist es, falschsexuell* zu sein in Jerusalem?

Jerusalem ist eine sehr komplexe Stadt. An manchen Orten fühle ich mich wohl, wenn ich mit einem Mann Hand in Hand durch die Strassen gehe, aber an anderen Orten – besonders in den religiöseren Quartieren – fühle ich mich eingeschüchtert.

Was magst Du an deiner Stadt?

Ich liebe Jerusalem über alles! Was mir wohl am meisten gefällt, sind die Gedanken darum, wie ich das Leben aller Menschen in dieser Stadt verbessern könnte. In anderen Teilen Israels sind Leute viel teilnahmsloser, wenn es um die Konflikte zwischen den Menschen geht. In Jerusalem geht das nicht. Denn der Konflikt ist hier an jeder Ecke präsent – egal, wo man hingeht. Neben dem Konflikt gibt es natürlich viel Kunst hier und Festivals über das ganze Jahr. Und ein aktives Nachleben.

Es gab ein paar traurige Zwischenfälle an den Prides in Jerusalem die letzten Jahre. Wie nimmst Du das wahr?

2015 erstach ein ultraorthodoxer Jude ein 16-jähriges Mädchen. Bereits 2005 ging derselbe Mann mit einem Messer auf Menschen an der Pride los. Es war sehr schwierig und auch surreal, dass es noch eine solche Bedrohung gibt. Ich fühlte mich aber auch angetrieben, da ich sah, dass wir weiterkämpfen müssen. Wir haben die Wahl: Lassen wir uns von solchen schlimmen Vorfällen runterziehen oder wollen wir noch härter kämpfen? 2016 waren übrigens 25000 Menschen an der Jerusalem Pride – so viele wie noch nie.

Wo gehen die Falschsexuellen hin in deiner Stadt?

Die Zentren der queeren Community sind das Open House und die Video Bar in Westjerusalem und die palästinensische Organisation alQaws in Ostjerusalem. Das Open House ist eine Anlaufstelle für die Anliegen von LGBTQ+s – egal welchen Alters, welchen Geschlechts oder welcher Herkunft. Dieses Haus gab mir und vielen meiner Freund_innen die Hilfe, die wir brauchten, um uns mit unserer Identität wohlzufühlen, als wir noch im Gymnasium waren.

Die Video Bar ist die einzige Bar für Falschsexuelle in Jerusalem. Sie ist sehr klein, aber auch sehr gemütlich. Viele Leute kommen alleine in die Bar, ohne jemanden zu kennen. Doch schon nach ein paar Minuten findet jede_r Freund_innen. Und ganz wichtig: Die Video Bar ist der einzige Ort, wo mensch die ganze Nacht durchtanzen kann.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich habe viele Wünsche für die Zukunft meiner Stadt. Ich hoffe, dass unsere Community in den arabischen Teilen der Stadt noch stärker wird und dass mehr LGBT Bars und Cafés öffnen werden. Aber am meisten wünsche ich mir, dass das Open House mehr in unser Bildungssystem eingebunden wird.

* Wir haben den Begriff «queer» konsequent mit «falschsexuell» übersetzt.

 
Tobi, 22   Studnt aus Zürich

Tobi, 22

Studnt aus Zürich

Robert, 22  Student aus Zug

Robert, 22

Student aus Zug

Jorina, 22   Polygraphin aus Winterthur

Jorina, 22

Polygraphin aus Winterthur

* Wir haben den Begriff «queer» konsequent mit «falschsexuell» übersetzt.

Comment