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Queere Töne

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Queere Töne

Es gibt Lieder, die hören wir auf jeder Pride und auf jeder falschsexuellen Party. Einige sind aus den 80ern des letzten Jahrhunderts, andere ganz neu. Was hat es mit diesen Liedern auf sich? Wir haben ein paar für euch zusammengestellt – und recherchiert, warum gewisse Lieder für unsere Community so wichtig sind.

Darja, 23   Studentin aus Zürich

Darja, 23

Studentin aus Zürich

Tobi, 23   Student aus Zürich

Tobi, 23

Student aus Zürich

«Queer Anthems» sind Lieder, die zur falschsexuellen Community gehören wie Glitzer und Regenbogenflaggen. Dabei muss der_die Sän- ger_in nicht queer sein, und auch der Songtext muss sich nicht zwingend um das Thema drehen: Viele der Lieder auf unserer Liste waren nicht queer «gemeint». Wir haben sie queer gemacht. In den Liedern geht es oft darum, eine schwierige Zeit zu überstehen. Es geht um Einsamkeit, Herzschmerz und Ausgeschlossensein. Aber vor allem handeln sie vom Feiern und Stark werden, vom Tanzen und Lieben. Häufig werden sie von extravaganten, starken Frauen gesungen; häufig sind es bekannte Popsongs. Wir haben diese Lieder, um uns zu feiern, um zu uns zu stehen. Deshalb dürfen sie ruhig auch ein wenig kitschig, trashig und überdreht sein.

Wir haben unsere Lieblingsauswahl für euch zusammengestellt. Die Liste ist aber keineswegs vollständig, und vielleicht haben wir deinen Liebling ausgelassen. Das ist aber kein Problem – komm einfach an die nächste Molke 7, dann hörst du ihn bestimmt wieder! Und bis dahin findest du einige unserer liebsten queeren Hymnen auf der Playlist milchjugend.ch/jugendpride.

Dancing on my own (2010) – Robyn

«I'M GIVING IT MY ALL, BUT I'M NOT THE GIRL YOU'RE TAKING HOME / I KEEP DANCING ON MY OWN» Du stehst in einem Club, und die Person, die du magst, küsst nicht mehr dich, sondern jemensch anderen: Aber du hältst durch, tanzt die ganze Nacht weiter, auch wenn dir das Herz dabei bricht. Trotz allem Schmerz geht es in diesem Lied ums Überleben, und darum, dass Tanzen manchmal Überleben bedeutet: Robyn gibt dir in all der Verzweiflung das Gefühl, dass du es schaffen kannst. Ausserdem ist sie – obwohl selbst nicht falschsexuell – eine Lesbenikone. Wenn dir also eine Party bevor steht, auf der du dein_e Ex triffst, und du weisst, dass er_sie jemensch anderen mitbringt: Denk an Robyn. Wenn sie das schafft, schaffst du es auch.

 

Dancing Queen (1976) – ABBA

«YOU CAN DANCE / YOU CAN JIVE / HAVING THE TIME OF YOUR LIFE» Die Plateauschuhe, der viele Glitzer und natürlich «Dancing Queen» – ABBA ist grossartig falschsexuell! In «Dancing Queen» geht es um die Magie der Nacht: Du drehst dich und fühlst nur den Beat, und du bist siebzehn und das einzig Wichtige ist grade, dass die Musik weiterläuft. 2006 vereinigten sich ABBA übrigens für kurze Zeit wieder, um Geld für die Pride in Warschau zu sammeln, die vom dortigen Präsident verboten werden sollte. Sie meinten, sie hätten einen grossen Teil ihrer noch immer währenden Berühmtheit der falschsexuellen Community zu verdanken. Gern geschehen.

 

The Greatest (2016) – Sia

«I'M FREE TO BE THE GREATEST,I'M ALIVE» Im Musikvideo zu diesem Lied von Sia sieht man die junge Tänzerin Maddie Ziegler, die weint, tanzt und sich Regenbogenfarbe über die Wan- gen streicht. Das Musikvideo bezieht sich auf die Erschiessung von 49 Falschsexuellen in einem Nachtclub in Orlando 2016. Trotz des schweren Themas ist «The Greatest» eine unverzichtbare Gay-Hymne: Denn das «stamina», das Durchhaltevermögen, das Sia beschreibt – «I'm running out of breath, but I got stamina» – bedeutet auch, dass wir es schaffen können, wenn wir zusammenhalten und füreinander einstehen.

 

Girls Just Want to Have Fun (1983) – Cyndi Lauper

«I WANNA BE THE ONE TO WALKIN THE SUN / OH GIRLS, THEY WANNA HAVE FUN» Beim ersten Hören ist dieser Song ein harmloses Lied. Doch wer genauer hinhört erkennt die feministischen Untertöne: Manche Männer* nehmen sich eine schöne Frau* und verstecken sie vor der Welt, doch Cyndi Lauper möchte frei sein und in der Sonne spazieren. In einer Welt, in der Frauen* immer noch viel weniger Möglichkeiten haben, ist es geradezu revolutionär, einfach nur Spass haben zu wollen. Cyndi Lauper, die mit ihren schrillen Outfits und Frisuren die 80er-Jahre aufwirbelte, setzt sich denn auch schon lange für LGBT*s ein und unterstützt obdachlose Queers mit mehreren Touren und sogar einer eigens gegründeten Stiftung. So ist ihr der Platz unter unseren Ikonen sicher.

 

I Want to Break Free (1984) – Queen

«I'VE FALLEN IN LOVE FOR THE FIRST TIME / AND THIS TIME I KNOW IT'S FOR REAL» Allein schon das Musikvideo kündigt an, wie queer der Song ist: Freddy Mercury, als Frau verkleidet – aber mit Schnauz – staubsaugt sein biederes Vorstadthaus, um sich schliesslich zuerst in einen Mann, dann in ein nonbinäres, mythisches Wesen zu verwandeln, dass in einer fulminanten Ballettszene die Geschlechtergrenzen aufbricht. Es geht darum, Grenzen zu sprengen, auszubrechen, aus dem Schrank zu kommen und sich selbst zu sein. Freddie Mercury, der Sän- ger der Band Queen, war selber bisexuell, wagte aber zeitlebens kein Coming-out. Er starb leider sehr früh an AIDS, doch bleibt er für immer als grosses queeres Idol in unserem Gedächtnis.

 

Smalltown Boy (1984) – Bronski Beat

«YOU LEAVE IN THE MORNING / WITH EVERYTHING YOU OWN» Die Band Bronski Beat und der Sänger Jimmy Sommerville thematisierten in ihren Songs immer wieder ihr eigenes Schwulsein. In ihrer ersten Hitsingle Smalltown Boy geht es deswegen auch um einen Jungen, der von Zuhause wegläuft – «run away/turn away» –, weil er dort seine Homosexualität nicht leben kann. Mit diesem Song sprachen Bronski Beat vielen jungen Queers in den 80er-Jahren aus der Seele und obwohl der Text eine traurige Geschichte erzählt, schenkt er doch auch Hoffnung auf einen Neuanfang. Bronski Beat spielte übrigens 1984 auf dem Benefizkonzert für die streikenden Minenarbeiter, organisiert von der Gruppe «Lesbian and Gays Support the Miners», die im wunderbaren Film «Pride» porträtiert werden.

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Mit Videos die Welt verändern

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Mit Videos die Welt verändern

Dylan Marron ist der neue falschsexuelle Star am Internet-Himmel. Mit unterhaltsamen Clips macht er auf Ungerechtigkeiten aufmerksam und schafft es noch fast jedes Mal, uns ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern.

Tobi, 23   Student aus Zürich

Tobi, 23

Student aus Zürich

«Happy Heterosexual Pride!» Das wünscht Dylan Marron in einem seiner ersten Videos den Zuschauer_innen. Und das meint er natürlich nicht ganz ernst. So versucht er dem Publikum weiszumachen, dass der Auszug aus dem Paradies von Eva und Adam der erste Heterosexual Pride March gewesen sei und dass die Hetero_as das Medium Film erfunden hätten, um endlich auch darin vertreten zu sein.

Voller Ideen

Berühmt geworden ist er durch seine Unboxing-Clips. Diese Videos lehnen sich an Clips an, in denen Nerds Computer, Handys und andere Dinge aus ihren Verpackungen schälen. Dylan aber nimmt gesellschaftliche Missstände aufs Korn, zum Beispiel packt er in einem Video Männlichkeit aus. Auf der Box steht da schon gross «No Homo» und den Inhalt der Schachtel darf er nur mit Samthandschuhen anfassen – «weil dieses Produkt zwar stark aussieht, aber eigentlich extrem fragil ist.» Im Paket sind dann allerhand Dinge, so zum Beispiel ein Massstab, um «irgendein beliebiges Körperteil zu messen».

Gerade hat Dylan eine neue Serie begonnen «Conversations with people who hate me»: Er ruft Menschen an, die ihm eine Hass-Botschaft in den Kommentarspalten hinterlassen haben. Erstaunlicherweise ergeben sich dabei gar nicht mal so schlechte Gespräche und es entlarvt jene Trolls, die sich gar nicht bewusst sind, dass ein echter Mensch hinter den Videos von Marron steckt.

Spannend sind auch seine Videos, wo er ganz verschiedene Menschen einlädt – Muslim_innen, Dragqueens, autistische Menschen – und sie mit Bullshit-Aussagen zu ihrer Identität konfrontiert, auf die sie dann gewitzt und schlagfertig antworten.

Farbenblind

Dylan selbst hat venezolanische Wurzeln und weiss auch, was es bedeutet, auf verschiedenen Ebenen diskriminiert zu werden – einerseits wegen seiner dunkleren Hautfarbe und andererseits, weil er schwul ist. Selbst in New York, wo er aufgewachsen ist, gab und gibt es für ihn viele Hindernisse als Schauspieler und Regisseur. Auch dieses Problem thematisiert er in seinen Videos. So hängt er alle Szenen aus Blockbuster-Filmen aneinander, in denen people of color etwas sagen. Das Video zu Harry Potter dauert beispielsweise sechs Minuten – für alle acht Filme zusammen!

Positive Energie

Doch Dylan verzagt deswegen nicht. Immer gelingt es ihm mit seinem Schalk und seinem Humor und ganz viel Augenzwinkern den Ewiggestrigen so lange auf die Nerven zu gehen, bis auch die es endlich kapiert haben. Natürlich mit ganz viel falschsexuellem Charme.

 

Seinen YouTube Channel findest Du hier: youtube.com/dylanmarron

Hier findest Du Dylan Marron auf Facebook: facebook.com/dylanmarronpage

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FALSCHSEXUELLE WELTREISE

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FALSCHSEXUELLE WELTREISE

Nicht nur auf eine falschsexuelle Zeitreise entführen wir Euch, sondern auch auf eine falschse- xuelle Weltreise. Wir stellen Euch Menschen vor, die überall auf unserem Planeten verstreut le- ben. Egal ob in Jerusalem, Kuala Lumpur, Belgrad oder sonst irgendwo – wir haben die Falschse- xuellen aufgespürt und mit ihnen meist per Mail oder per Skype Interviews geführt. Sie erzählen davon, wie es ist, an ihrem Ort falschsexuell zu sein und wie Ihnen ihre Stadt gefällt.

 

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Erin Busbee ist 25 Jahre alt, lesbisch und arbeitet mit und für die LGBT+ Jugend, um ein sicheres und unterstützenderes Umfeld aufzubauen. Ausserdem setzt sie sich dafür ein dass mehr Informationen zum Thema Sex für die ganze Jugend bereitstehen.

Lebst du gerne in Ann Arbor?

Ich liebe es, in Ann Arbor in Michigan zu wohnen!

Wie ist es hier falschsexuell zu sein?

Was ist mit «wrongsexual» gemeint? Ist das wortwörtlich übersetzt? Das klingt ziemlich gemein.

Ja, in unserer Gruppe benutzen wir das ironisch. Sozusagen: Ihr Menschen haltet uns für nicht normal und denkt, dass unsere Lebensweise falsch ist. Ok, dann sind wir wohl falschsexuell. Ist uns egal. Wir leben trotzdem so... Es ist auch ein kollektiver Begriff für alle Menschen, die nicht hetero- sexuell sind.

Okay, cool. Danke für die Erklärung! Ann Arbor ist die liberalste Stadt im Staat Michigan. Eine der grössten Universitäten des Staates befindet sich hier und die Stadt ist voll mit «Hippies», sie ist allgemein als offen bekannt und viele queere Menschen aus andern Orten des Staates ziehen hierher, um sich wohler zu fühlen. Trotzdem hat dieser Staat keinen Schutz für queere Menschen, du kannst also trotzdem gefeuert werden oder einen Job oder eine Wohnung gar nicht erhalten wegen deiner Sexualität oder Geschlechtsidentität/-auslebung. Ausser eine Firma hat da eigene Richtlinien.

Werden LGBT+-Menschen hier diskriminiert?

Ich habe einen Job, bei dem ich mit queeren Jugendlichen arbeite und für sie einstehe. Es ist ziemlich gleich wie bei den Erwachsenen: Die Situation ist, dass es keine staatlichen Gesetze oder Richtlinien gibt, welche die queere Jugend vor Diskriminierung oder Mobbing durch andere Jugendliche oder Erwachsene an Schulen oder in der Öffentlichkeit schützen. Es kommt sehr auf die Stadt und die Schule an. Mobbing ist definitiv häufiger und härter für die queere Jugend und jene, welche als queer angesehen werden. Es entstehen jedoch in jeder Stadt, in den Bezirken und im ganzen Staat immer mehr Orte, geschaffen von Jungendlichen und Erwachsenen, für Jugendli- che und Erwachsene, wo sie Hilfe erhalten und für Antidiskriminierungsgesetze und -politik kämpfen.

 

Dušan Pavlovic ist 21 Jahre alt, schwul und studiert Japanologie in Belgrad. Er ist in einer kleinen montenegrinischen Küstenstadt aufgewachsen und lebt seit einem Jahr in Serbien.

Wie ist es, falschsexuell* zu sein in Belgrad?

Sehr aufregend! Auch wenn ich sicher nicht im offensten Land oder in der offensten Stadt lebe und auch wenn immer noch viele Leute Probleme mit der falschsexuellen Community haben, so hat Belgrad auch seine guten Seiten. Und die Leute sind viel toleranter, als mensch denken würde.

Am wichtigsten sind die Menschen, mit denen mensch sich umgibt. Alles wird einfacher, wenn du Menschen um dich hast, die deine Interessen teilen, dich unterstützen und verstehen. Leider kenne ich viele Falschsexuelle, die grosse Angst haben, verurteilt zu werden und deswegen nicht sich selbst sein können.

Mensch muss mit sich selbst im Reinen sein und sich selber akzeptieren. Und auch akzeptieren, wo mensch lebt. Gewisse Dinge kann mensch alleine nicht ändern. Ich hatte richtig Glück, dass ich wundervolle Freund_innen und zwei grossartige Schwestern hatte, die mich unterstützten, als ich sie brauchte. Ich fühlte mich nie diskriminiert oder isoliert. Bis jetzt habe ich nur positive Erfahrungen als Falschsexueller in Belgrad gemacht. Die junge Generation hier ist sehr tolerant und informiert. Das gibt mir Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Falschsexuellen hier.

Wie ist die falschsexuelle Community?

Die Community ist grösser, als ich zuerst gedacht habe und obwohl ich noch nicht so lange in Belgrad lebe, habe ich schon viele tolle, einzigartige falschsexuelle Menschen kennengelernt. Natürlich habe ich auch meinen Freundeskreis, mit dem ich die meiste Zeit verbringe, aber es ist einfach, neue Leute kennenzulernen, wenn du die richtige Haltung hast und weisst, wo du suchen musst. Ich fühlte mich in der Community hier schnell zu Hause und total akzeptiert.

Gibt es Orte für Falschsexuelle in deiner Stadt?

Es gibt einige Gay Bars und Clubs hier, auch welche mit Dragshows. Am liebsten gehe ich an eine grosse Party, die ein oder zwei Mal im Monat an verschiedenen Orten stattfindet. Was ich am meisten mag, sind die Leute an den Partys und die positive Atmosphäre.

Gehst Du auch an die Pride in Belgrad?

Ich wohne noch nicht lange in Belgrad und seither gab es noch keine Pride. Ich denke aber, ich würde nicht an der Pride teilnehmen. Die meisten Leute hier, besonders die ältere Generation, sind noch nicht bereit für die Pride. Und es ist auch gefährlich.

Aber natürlich ist es wichtig, bei den Leuten ein Bewusstsein zu schaffen. Und wer weiss, vielleicht wird es irgendwann einmal besser, was die Pride anbelangt.

Was magst Du am meisten an deiner Stadt?

Oh, ich mag viele Dinge! Belgrad ist zwar weit davon entfernt, eine hübsche Stadt zu sein, aber es hat hier viele coole Vibes und es gibt so viele Orte, die mensch besuchen und auschecken kann. Ich habe noch nicht mal die Hälfte entdeckt und ich kann es kaum erwarten, die Stadt noch besser kennenzulernen. Ich mag mein Quartier, die Uni, das Nachtleben, Leute kennenlernen... Es ist so toll, wie schon eine einzige neue Beziehung zu einem Menschen den Lebensfluss ändern kann.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Leute ihre Augen und ihren Verstand öffnen. Es gibt viel Raum für Veränderung. Manchmal braucht es nur einen Menschen, um viele andere zu beinflussen. Was ich mir auch noch wünsche, ist, dass falschsexuelle Paare sich trauen, sich auf der Strasse zu küssen oder einander an den Händen zu halten – ohne Angst.

 

 

Imran Talib, 19 Jahre alt, ist schwul und lebt in Malaysia. Er ist entfernt verwandt mit einer guten Kollegin, sie hat ihn während ihrer Asien-Reise einige Male besucht und er hat sich sehr gefreut ein Teil dieser Interviewserie zu sein. Bald möchte er uns in der Milchbar besuchen.

Lebst du gerne in Kuala Lumpur?

Ja, ich liebe und geniesse es. Es ist lebhaft und ich habe meine Freund_innen hier, welche mich unterstützen.

Wie ist es, in Kuala Lumpur falschsexuell zu sein?

Beim Aufwachsen haben Religion und Gesellschaft eine grosse Rolle gespielt. Ich hatte schon immer diesen Hass darauf, wie ich wirklich bin, habe es aber versucht zu verleugnen. Dass ich «falsch» bin, wurde mir eingetrichtert, auch jene, welche nicht religiös sind, nahmen diese Sichtweise ein, sie ist derart in unsere Gesellschaft eingraviert. Es war schwierig für mich, meine Situation zu akzeptieren, obwohl ich sehr Glück hatte: Ich habe Zugang zum Internet und wir leben in einer Zeit, in der Menschen sehr offen über diese Themen sprechen. Die Online-Community hat mir sehr geholfen. Ausserdem bin ich sehr dankbar für meine Freund_innen, welche zuhören, lernen und sich gemeinsam mit mir weiterbilden. Es war also nicht so hart für mich.

Werden Menschen hier diskriminiert?

Auf jeden Fall. Ich denke, jeder, der mutig genug ist sich zu outen, wird mit Ausgrenzung konfrontiert. Es geschieht oft, dass junge Menschen aus dem Haus geworfen werden, sobald ihre Eltern erfahren, dass sie queer sind. Manche werden sogar körperlich... naja... es gibt Fälle, wo Menschen körperlich misshandelt werden. In letzter Zeit ist die Gewalt gegen Transmenschen in Malaysia gestiegen. Ich kann nicht nur über die Schwulenszene sprechen, wenn auch ein grosses Problem beim Thema Gender Identity besteht. Wer sich hier für eine Geschlechtsanpassung entscheidet, wird meistens aus der Familie verstossen.

Wie ist es bei deiner Familie?

Ähm, meine Eltern wissen von nichts. Ich bin nicht sicher, wie sie reagieren würden. Ich erinnere mich, als ich etwa zehn war – du kennst das, Mütter haben diese Instinkte (lacht) – hat meine Mutter mir oft gesagt, wenn ich Mädchen gegenüber nicht gleich empfinde wie meine Kollegen, dann könne ich es ihr sagen. Aber das ist lange her, ich habe noch nicht genug Mut, um es meinen Eltern zu sagen. Aber meine Cousins wissen es. Wir sind acht und drei davon sind schwul, das ist lustig, denn das ist mehr als der übliche Durchschnitt.

Gibt es einen Treffpunkt für falschsexuelle Menschen in Kuala Lumpur?

Ja, definitiv. Es findet sogar in zwei Wochen ein Event statt. Du kannst deine Kunst, die mit LGBT zu tun hat, einreichen und die wird dann dort gezeigt. Wir haben auch nichtstaatliche Organisationen, welche sich für gleiche Rechte für LGBT-Menschen einsetzen, zum Beispiel die Organisation «Regenbogen» in Jawi.

Wie ist die Situation für die falschsexuelle Community in Malaysia?

Die Community ist stark, laut und sichtbar. Für viele Jahre waren wir sehr still, aber ich glaube, als der Supreme Court in Amerika die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hat, hat das viele Möglichkeiten für die Communities in anderen Ländern geöffnet.

Aber gibt es hier nicht ein Problem mit dem Staat?

Oh, ja, schwuler Sex ist illegal hier, du wirst wegen Unzucht verklagt. Lesbischer Sex nicht. Lesben können also Sex haben, zwei Männer jedoch nicht...

Gibt es irgendetwas, was du sonst noch erwähnenswert findest?

Ich denke, dieses Problem ist nicht nur lokal. Malaysier_innen wären noch nicht so weit, wenn nicht LGBT-Menschen in anderen Ländern ihr Leben für diese Sache geopfert hätten. Wir leben in einer tiefgründigen Zeit, marginalisierte Gruppen sind sehr stark, wenn sie für sich einstehen.

Ich möchte auch die Erstweltländer, in denen LGBT-Menschen schon bessere Chancen haben, auffordern, sich mehr für Länder einzusetzen, in denen sie keine oder schlechte Chancen haben. Ich weiss, dass jeder seine eigenen Schlachten zu führen hat, aber ich denke, es ist auch wichtig zu wissen, dass wir immer noch ausgeschlossen und unterdrückt werden. Es wäre also hilfreich, wenn die internationale Community mehr über Malaysier_innen, Indonesier_innen oder auch Saudi-Araber_innen sprechen würde, welche sterben, nur weil sie sich selbst sind.

 

 

 

Rasaeli Honey Maharjan, 31, Kirtipur in Nepal, transgender

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Rasaeli Maharjan ist eine herzensgute Frau, die ich vor zwei Jahren in Nepal kennengelernt habe. Für mich ist sie Honey-Didi oder nur Didi, was auf Nepali «ältere Schwester» heisst. Legal ist sie aber noch ein Mann und duldet es, denn die Trans*rechte in Nepal sind verschwindend klein. Für Rasaeli ist es nicht einfach, einen Job zu finden. Sie wohnt jetzt schon seit zwei Jahren in einer Wellblechhütte, da ihr Haus seit dem Erdbeben im Frühjahr 2015 einen Riss in der Wand hat und ihre Frau Laximi Angst hat, dass das Haus einstürzt, wenn sie schlafen.

Wie ist es, in Kirtipur bei Kathmandu zu leben? Magst du Nepal?

Ja, ich lebe gerne hier. Denn ich bin hier geboren und wir sind das Land des Himmels [Buddha ist in Nepal geboren]. Ich möchte hier bleiben, aber manchmal ist es schwierig – speziell in Kirtipur. Hier gibt es noch viel Diskriminierung und Stigmatisierung.

Wie ist es, falschsexuell in Nepal zu sein?

Ich verkleide mich oft als Mann, damit ich nicht auffalle. Als Trans*frau ist es beinahe unmöglich akzeptiert zu werden. Aber als «er» bezeichnet zu werden, lässt mich jedes Mal unwohl fühlen. Ich fühle mich auch schlecht, weil die Menschen aus Nepal oft meinen, dass LGBT-Menschen von einem anderen Planeten kommen und nicht hierher gehören.

Kennst du andere falschsexuelle Menschen in Nepal?

Ja, ich habe viele Freunde, die unterschiedliche Sexualitäten und Genderidentitäten haben, jedoch gibt es keinen Ort, an dem wir uns treffen können und viele von uns sind in Not.

Gibt es Organisationen in Nepal, die Trans*menschen helfen?

In Kathmandu gibt es eine grosse Organisation (NCASC: National Centre for AIDS and STD Control), die auch Projekte hat, die sich für die LGBT-Community einsetzen. Jedoch liegt der Fokus auf der Gesundheit und nicht auf den einzelnen Schicksalen. Auch in der Organisation cruiseaids ist Hilfe nur limitiert verfügbar. Ab und an kann ich dort als Ausbilder und für Präven- tionsprogramme arbeiten, aber auch nur, wenn wir von der NCASC Gelder zugesprochen bekommen.

Was die Organisationen nicht realisieren, ist, dass uns am meisten geholfen wäre, wenn wir einen Job hätten. Das wäre die beste Prävention. Denn viele Trans*menschen sehen sich aufgrund der Arbeitslosigkeit gezwungen, Sexarbeit anzunehmen. Aufgrund der fehlenden Rotlicht-Milieus gibt es keinen sicheren Rahmen dafür und so verschlechtert sich die allgemeine Gesundheitsrate. Es ist ein Teufelskreis.

Was liebst du an deinem Leben?

Ich liebe meine Familie. Sie unterstützen mich und erlauben mir, der Mensch zu sein, der ich wirklich bin. Speziell meine Ehefrau Laximi ist da für mich an schweren Tagen. Sie ist sehr ehrlich, sagt mir, ich solle mich nicht darum kümmern, was andere denken und unterstützt die LGBT Community. Meine beiden Söhne Roberto und Devid sind 7 und 2 Jahre alt, darum habe ich ihnen meine Geschichte noch nicht erzählt. Sie nennen mich Mama, aber ab und zu auch Papa, denn mensch muss ja einen Papa haben. Ich hoffe, sie können mich auch akzeptieren und lieben wie Laximi, denn ich liebe sie sehr.

Was mach dir am meisten Sorgen?

Ich würde gerne meine Söhne in die Schule schicken, doch das kostet etwa 20 Euro pro Monat. Das Geld, welches ich als Local Guide oder von meiner Arbeit im Gästehaus verdiene reicht so knapp aus, aber es ist immer eine unsichere Situation, bis ich wieder einen Job finden kann.

Auch hat mein Bruder immer noch ein Alkoholproblem. Wenn er trinkt, dann wird er manchmal gewalttätig. Aber er liebt seine Neffen und mich als seinen Bruder. Leider nicht als Schwester, aber immerhin.

 

 

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Eyal Lurie-Pardes ist 22 Jahre alt, bisexuell und lebt in Jerusalem, wo er auch aufgewachsen ist. Er studiert Recht und Geschichte an der Hebrew University und ist Menschenrechtsaktivist. Im September wird er uns am lila. Festival besuchen kommen und mit seiner selber geschriebenen Musik verzaubern.

Wie ist es, falschsexuell* zu sein in Jerusalem?

Jerusalem ist eine sehr komplexe Stadt. An manchen Orten fühle ich mich wohl, wenn ich mit einem Mann Hand in Hand durch die Strassen gehe, aber an anderen Orten – besonders in den religiöseren Quartieren – fühle ich mich eingeschüchtert.

Was magst Du an deiner Stadt?

Ich liebe Jerusalem über alles! Was mir wohl am meisten gefällt, sind die Gedanken darum, wie ich das Leben aller Menschen in dieser Stadt verbessern könnte. In anderen Teilen Israels sind Leute viel teilnahmsloser, wenn es um die Konflikte zwischen den Menschen geht. In Jerusalem geht das nicht. Denn der Konflikt ist hier an jeder Ecke präsent – egal, wo man hingeht. Neben dem Konflikt gibt es natürlich viel Kunst hier und Festivals über das ganze Jahr. Und ein aktives Nachleben.

Es gab ein paar traurige Zwischenfälle an den Prides in Jerusalem die letzten Jahre. Wie nimmst Du das wahr?

2015 erstach ein ultraorthodoxer Jude ein 16-jähriges Mädchen. Bereits 2005 ging derselbe Mann mit einem Messer auf Menschen an der Pride los. Es war sehr schwierig und auch surreal, dass es noch eine solche Bedrohung gibt. Ich fühlte mich aber auch angetrieben, da ich sah, dass wir weiterkämpfen müssen. Wir haben die Wahl: Lassen wir uns von solchen schlimmen Vorfällen runterziehen oder wollen wir noch härter kämpfen? 2016 waren übrigens 25000 Menschen an der Jerusalem Pride – so viele wie noch nie.

Wo gehen die Falschsexuellen hin in deiner Stadt?

Die Zentren der queeren Community sind das Open House und die Video Bar in Westjerusalem und die palästinensische Organisation alQaws in Ostjerusalem. Das Open House ist eine Anlaufstelle für die Anliegen von LGBTQ+s – egal welchen Alters, welchen Geschlechts oder welcher Herkunft. Dieses Haus gab mir und vielen meiner Freund_innen die Hilfe, die wir brauchten, um uns mit unserer Identität wohlzufühlen, als wir noch im Gymnasium waren.

Die Video Bar ist die einzige Bar für Falschsexuelle in Jerusalem. Sie ist sehr klein, aber auch sehr gemütlich. Viele Leute kommen alleine in die Bar, ohne jemanden zu kennen. Doch schon nach ein paar Minuten findet jede_r Freund_innen. Und ganz wichtig: Die Video Bar ist der einzige Ort, wo mensch die ganze Nacht durchtanzen kann.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Ich habe viele Wünsche für die Zukunft meiner Stadt. Ich hoffe, dass unsere Community in den arabischen Teilen der Stadt noch stärker wird und dass mehr LGBT Bars und Cafés öffnen werden. Aber am meisten wünsche ich mir, dass das Open House mehr in unser Bildungssystem eingebunden wird.

* Wir haben den Begriff «queer» konsequent mit «falschsexuell» übersetzt.

 
Tobi, 22   Studnt aus Zürich

Tobi, 22

Studnt aus Zürich

Robert, 22  Student aus Zug

Robert, 22

Student aus Zug

Jorina, 22   Polygraphin aus Winterthur

Jorina, 22

Polygraphin aus Winterthur

* Wir haben den Begriff «queer» konsequent mit «falschsexuell» übersetzt.

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