Ich bin verdammt noch mal unsicher, wo ich den Brief einwerfen soll. Ich starre abwechselnd auf die Karte und das graue Industriegebiet vor mir. Heute habe ich endlich das ganze Formular ausgefüllt und mit den anderen Dokumenten in einen Umschlag gesteckt. Wenig später sass ich im Bus, quer durch die Stadt zum Gebäude der Bevölkerungsdienste. Jeder vernünftige Mensch hätte einfach eine Briefmarke aufgeklebt und alles in den nächsten Briefkasten geworfen. Aber ich will es nicht aus der Hand geben. Ich will es so schnell am richtigen Ort wissen, wie es nur geht.

Kurz darauf stehe ich leicht zittrig zwischen Süssgebäck-Regalen. Meine Augen sind feucht und ich versuche mich zu entscheiden, ob ich eher ein Vogelnäschtli oder ein Spekulatius Bun kaufen soll. Der Brief ist eingeworfen, die Anspannung fällt langsam ab und ein unglaublich starkes, schönes Gefühl macht sich in mir breit. Ich nehme beide.

Im Nachhinein erinnere ich mich daran, dass ich mir die Frage nach einem neuen Namen schon vor einigen Jahren zu stellen begann. Nicht, dass ich meinen Namen nicht mochte. Der war eigentlich ganz okay, nur bei meinem zweiten Vornamen tauchte in meinem Kopf sofort ein katholischer Priester auf, der in einer grossen, beweihräucherten Kirche meinen Namen sang und dazu eifrig Weihwasser verspritzte. Nicht, dass das so schlimm gewesen wäre, schliesslich brauchte ich diesen Namen kaum.

Wenn ich aber meinen ersten Vornamen ändern würde, wäre das wohl sehr unpraktisch, dachte ich mir. Meine E-Mail müsste ich dann anpassen, die Domain meiner Webseite und das anstrengendste überhaupt: Ich müsste es natürlich allen Menschen sagen.

An einem 25. Mai stelle ich mich einer Gruppe ganz neuer Menschen mit «Lu» vor. Namensschild angeschrieben und zack, bin ich auch «Lu». Für zwei Tage arbeiten wir an einem Projekt. Jedes Mal, wenn mich jemensch bei meinem Namen nennt, freue ich mich, doch muss schnell wegschauen, denn ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Es ist, als würde ich zaghaft auf eine gefrorene Schneeoberfläche treten, tastend, ob sie mich wirklich trägt, doch das tut sie.

Auf den meisten Socials braucht es wenige Klicks, um meinen Namen anzupassen. In meinem Umfeld ein wenig mehr Aufwand: Ich schreibe eine E-Mail für meine Arbeit, Nachrichten in Gruppenchats und Briefe an meine Kernfamilie. Für offizielle Stellen ist es jedoch schwieriger. Je länger ich meinen neuen Namen brauche, desto seltsamer fühlt es sich an, Briefe mit meinem offiziellen Namen zu erhalten, bei der Zahnärztin so aufgerufen zu werden und auf allen Karten in meinem Portemonnaie einen falschen Namen zu lesen.

Um das zu ändern, brauche ich in meinem Wohnkanton Bern je einen Auszug aus dem Straf- und Betreibungs-Register. Zusätzlich muss ich ein Formular ausfüllen und drei Fragen beantworten, um meinen Antrag zu begründen. Eine ähnliche schriftliche Begründung wird in allen Kantonen verlangt, die Details des Prozesses sind jedoch überall unterschiedlich. (Siehe Infografik)

Die drei Fragen lauten:

  • Welche Nachteile haben Sie mit Ihrem aktuellen Namen? Aus welchen Gründen wollen Sie den aktuellen Namen ablegen (Wunsch allein reicht nicht aus)?
  • Welchen Bezug haben Sie zum neuen Namen?
  • Weshalb wird die Namensänderung jetzt und nicht früher beantragt?

Ich schreibe darüber, wie es sich als nichtbinäre Person anfühlt, falsch als «Herr» oder «Mann» angesprochen zu werden, und wie der alte Name Dysphorie auslöst, also starke unangenehme Gefühle.

Die Leerstelle meines zweiten Vornamens trage ich mit mir herum. Ich erinnere mich an ein Bilderbuch von einem Kind, das Dinge mit Rädern so fest mag, dass die Eltern beschliessen, es «Konrad» zu nennen, damit es immer ein Rad bei sich hat.

Was möchte ich mir selbst mitgeben? Ich befasse mich also mit Vornamen, durchstöbere Listen, die annehmen, dass ich ein Baby erwarten würde. Nicht ganz, das betreffende Kind ist schon 27 Jahre alt.

Ich studiere die Bedeutung von Namen. Immer wieder tauchen seltsame bis überraschende auf: «Die Fremde», «der Mann», «die Einsame», «die Verbitterte», «die Verschlossene» oder besonders schön «die Wildkuh».

Schlussendlich stolpere ich in alten Notizen über den passenden Zweitnamen. Überraschend gut fügt er sich in meinen ganzen Namen ein, und auch wenn es sich zuerst ungewohnt anfühlt, werde ich immer mehr zu der Person werden, zu der dieser Name gehört.

Knapp einen Monat nach dem Einwerfen des Briefes erhalte ich die «Verfügung Vornamensänderung», ein Dokument, das meine Vornamensänderung offiziell bestätigt. Nun kann ich einen Termin für eine neue Ausweiskarte und einen Pass mit neuem Namen vereinbaren. Für alle Orte, die eine offizielle Bestätigung für den Wechsel brauchen, wie Krankenkassen, Banken oder Arbeitgeberin kann ich jetzt dieses Dokument einreichen. Bei den meisten Orten reicht jedoch eine einfache E-Mail mit meinem neuen Namen und meine Angaben werden in den Datenbanken angepasst. Hin und wieder erreicht mich noch etwas mit meinem Geburtsnamen, doch es wird immer weniger.


Vornamensänderung in der Schweiz

Die Vornamensänderung ist in der Schweiz in allen Kantonen unterschiedlich geregelt.

Wenn du neben deinem Vornamen gleichzeitig deinen Geschlechtseintrag ändern willst, ist der Prozess schweizweit einheitlich und deutlich günstiger. Hier findest du eine Übersicht über die benötigten Dokumente und ungefähren Kosten. Wenn du deinen Vornamen aufgrund von Genderdysphorie änderst, können die Kosten auch tiefer sein als die angegebenen Beträge. Die meisten Kantone berechnen die Kosten je nach Fallaufwand.

Geschlechtseintrag ändern

Wenn du deinen Geschlechtseintrag ändern willst (nur zwischen «männlich» und «weiblich» möglich), mit Vornamensänderung oder ohne, brauchst du einen Ausweis und eine Wohnsitzbestätigung, um es auf einem Zivilstandesamt zu ändern. Diese Änderung kostet CHF 75.-. Falls du noch nicht volljährig bist, benötigst du zusätzlich die Zustimmung der Erziehungsberechtigten, welche CHF 30.- zusätzlich kostet.

Menschen ohne Schweizerische Staatsbürgerschaft können ebenfalls auf diesem Weg ihre Angaben ändern. Je nach Situation müssen sie dazu erst in das Personenstandregister eingetragen werden, was zusätzliche Kosten verursachen kann.

Benötigte Dokumente nach Kanton

Kanton Schriftl. Begründung Formular Ausweis-Kopie Personen­stands­ausweis Wohnsitz­bescheini­gung Straf­register-Auszug Betreibungs­register-Auszug Verwendungs-Belege Beglaubigte Unterschrift Zusätzliche Bescheinigung Vorschuss der Kosten
AG            
AR                
AI                
BL            
BS                  
BE            
FR                    
GE                
GL                
GR                  
JU                  
LU              
NE                    
NW              
OW                
SH                
SZ            
SO          
SG                  
TG                  
TI        
UR                
VS                
VD          
ZG                
ZH                  

(Quellen: Webseite der Kantone. NW, VS: Schriftliche Auskunft, Stand Dezember 2025, alle Angaben ohne Gewähr.)

Kosten für meine Vornamensänderung im Kanton Bern

Position Kosten
Betreibungs-Register-Auszug 17.-
Straf-Register-Auszug 17.-
Vornamensänderung 150.-
Neue ID und Pass 158.-
Total 342.-

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