Dieses Projekt durfte ich in der 52. Ausgabe des Milchbüechlis ausführlicher vorstellen. Es ist eine von vielen Arbeiten, in denen ich meine aufrichtige Bewunderung für und Inspiration durch Frauen, sowie die Vielfalt der Weiblichkeit aus der Perspektive eines schwulen Mannes zum Ausdruck bringe.
Ausgangspunkt für dieses Projekt war A Portfolio of Models der renommierten Performance-Künstlerin Martha Wilson, die sechs verschiedene weibliche Charaktere durch Fotografie und Schrift präsentierte. Diese überspitzten Stereotypen wiesen kritisch auf die begrenzten, für Frauen verfügbaren, Rollen hin und brachten die politischen Veränderungen ihrer Zeit zum Ausdruck.
Was mich besonders inspiriert hat, war das Thema der Identität und wie sehr sie performativ sein kann, wenn wir es zulassen, mit ihr zu spielen, statt sie als gegeben zu betrachten. Bei diesem Projekt konnte ich genau das umsetzen: Ich stellte verschiedene Bilder und Vorstellungen von Frauen zusammen und erweckte sie zum Leben, indem ich im Austausch mit der Fotografin ihre Kostüme entwarf, sie schminkte, sie in Textform beschrieb und die geeigneten Aufnahmeorte auswählte.
In den letzten Monaten habe ich mit meinem Drag experimentiert und damit diese Figuren einem Publikum präsentiert. Ich hatte das grosse Vergnügen, Gespräche mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zu führen, denen beim Zuschauen meiner Performance auch andere Referenzen als Wilson in den Sinn kamen:
Cindy Sherman, deren Projekt Untitled Film Stills eine lange Reihe von Fotografien zeigt, in denen sie sich selbst in verschiedenen stereotypen Frauenrollen besetzt hat, inspiriert von Filmen aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Vaginal Davis, eine Performerin, die dafür bekannt ist, in «kostengünstigen, wirkungsvollen» Performances geschlechtsübergreifende Rollen zu spielen. Oder Birgit Steinegger, eine Schauspielerin, die dafür bekannt ist, Frau Iseli sowie alle ihre Nachbarinnen in der Comedy-Sketch-Reihe «Total Birgit» zu spielen, um nur einige zu nennen.
Auffallend wird, wie solche Künstler*innen, ob sie ihre Arbeit als Drag oder anders bezeichnen, nicht auf das Geschlecht, die Hautfarbe, das Alter oder das Einkommen beschränkt werden, und dass auch die Rollen, die sie verkörpern, ebenfalls unbegrenzt sind.
In der Winterausgabe haben wir die «Woke» vorgestellt, die in Zeiten sozialer Unruhe Frische und Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausstrahlt. Unsere nächste Protagonistin hat hingegen eine düstere Persönlichkeit und möglicherweise eine noch dunklere Vergangenheit.
The Black Widow
Following the mysterious death of her billionaire husband, this cunning creature wasted no time mourning her loss. To her, men should be like Kleenex – soft, strong and disposable. You might have spotted her on The Real Housewives of Beverly Hills clutching a wineglass in one hand and a Birkin bag in the other while she argues over nothing with the other cast members. This mature vixen is not afraid to use her body to get what she wants.
You will find this dangerous woman in her mansion on the Gold Coast of lake Zurich wearing heels and a rather revealing catsuit for her age. There are never enough pearls around her neck, nor enough Botox in her cheeks. She doesn’t have any talent, not even a hidden one, but she doesn’t shy away from revealing what she masters: sex appeal.
Die Schwarze Witwe
Nach dem rätselhaften Tod ihres milliardenschweren Ehemanns verschwendete diese raffinierte Kreatur keine Zeit damit, um ihren Verlust zu trauern. Für sie sollten Männer wie Taschentücher sein – weich, stark und entsorgbar. Bestimmt hast du sie in der TV-Sendung The Real Housewives of Beverly Hills gesehen, wie sie mit einem Weinglas in der einen Hand und einer Birkin-Tasche in der anderen mit den anderen Frauen über Pipifax streitet. Diese heisse Braut wird ihren Körper verführerisch einsetzen, um zu bekommen, was sie will.
Ihr findet dieses giftige Wesen in ihrer Residenz an der Goldküste des Zürichsees, wo sie ein für ihr Alter ziemlich freizügiges Leotard und Stöckelschuhe trägt. Weder trägt sie genug Perlen um den Hals noch hat sie sich genug Botox in die Wangen spritzen lassen. Sie hat kein Talent, nicht einmal ein verstecktes, aber sie scheut sich nicht, das zu zeigen, was sie beherrscht: sexuelle Anziehungskraft.
Kollektiv Chroma @aboutchroma
Künstlerische Leitung: Paul Grieguszies / Shelby Cummings (er / sie), 1995, @ishelbycummings
Fotografie: Eva Schneuwly (sie), 1995, @eggasch


