Was ich konkret mache, um besser im Alltag klarzukommen, ist das sogenannte «Unmasking». Das bedeutet, dass ich meine Autismus- und ADHS-Symptome und -Gegebenheiten nicht mehr überspiele. Ich möchte nicht mehr so tun, als wäre ich «normal». Denn ich habe diese Behinderungen und es macht aus, wie ich bin und wie ich meinen Alltag gestalte.

Ich versuche, nicht mehr so zu tun als wäre ich neurotypisch, und ich ignoriere meine Bedürfnisse nicht mehr, wie ich es früher getan habe. Ich muss auf meine Bedürfnisse hören und ein bisschen egoistischer werden. Wobei ich egoistisch das falsche Wort finde, denn es geht in meinem Leben ja um mich. Deswegen liegt es auch an mir, die Welt um mich herum möglichst so zu gestalten, dass sie mir guttut.

Dazu gehört, dass ich Orte verlasse, wenn sie mich zu viel Energie kosten. Ich gehe, sobald ich merke, dass die Anstrengung dort zu bleiben grösser ist, als die Freude dort zu sein. Und das muss ich aktiv trainieren. Ich muss mir sagen, dass es okay ist, bei Dingen nicht dabei zu sein, dass ich nichts Wichtiges verpasse und dass es besser ist, auf meine Bedürfnisse zu hören, statt meine eigenen Grenzen zu überschreiten.

Ausserdem verstecke ich nicht mehr Dinge, die mir helfen. Ich verstecke nicht mehr, wenn ich hin und her schaukeln muss, um mich zu beruhigen. Ich verstecke meine Fidget Toys (kleine Spiele, um die Hände zu beschäftigen) nicht mehr und ich schaue nicht mehr darauf, dass mich niemensch sieht, wenn ich meine Medikamente nehme. Das alles ist nicht peinlich, es ist meine Überlebensstrategie. Es ist meine Art mich zu regulieren.

Das gelingt mir zwar noch nicht immer, aber immerhin besser als früher. Auch möchte ich mich nicht mehr dafür schlecht fühlen oder mich sogar entschuldigen, wenn ich andere Personen nicht verstehe. Wenn Witze gemacht werden, die ich nicht lustig finde, wenn Vergleiche gezogen werden, die keinen Sinn ergeben. Ich darf nachfragen und Dinge lustig finden, die andere nicht lustig finden und umgekehrt.

Manchmal brauche ich länger, um Aufgaben oder auch Fragen zu verstehen, aber das liegt daran, dass die Aufgaben und Fragen missverständlich gestellt wurden. Ich bin nicht das Problem, nur weil ich etwas nicht sofort verstehe.

Und ich habe gemerkt, dass ich in gewissen Lebensbereichen momentan einfach Unterstützung brauche. Ich brauche meinen Therapeuten, bei dem ich Alltagssituationen reflektieren kann und der mich darauf hinweist, dass vielleicht alles etwas zu viel ist, wenn ich es selbst nicht merke. Ich brauche meine Autismus-Coachin, weil sie mit mir E-Mails schreibt und Worte dort findet, wo sie mir manchmal fehlen. Weil sie mir hilft, einen Wochenplan zu machen, der mir die fehlende Struktur gibt. Und weil sie versteht, dass mein Alltag anstrengender ist, als er für neurotypische Menschen ist.

Und ich brauche mein stabiles soziales Umfeld. Menschen, die mich verstehen, die mich nicht hinterfragen, bei denen ich so neurodivergent sein kann, wie ich bin und ich nicht diesen Zusatzaufwand leisten muss, um «normal» zu wirken. Denn das braucht unglaublich viel Energie.

Und so versuche ich Stück für Stück die antrainierten Floskeln und mein Verhalten zu ändern, sodass es mich etwas weniger Energie kostet, um den Alltag zu bewältigen.

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