Hiba: Wie fühlt es sich an, die Wahl als Mister Gay Europe 2025 zu gewinnen?
Michael: Es fühlt sich schön an. Es ist eine Achterbahn der Gefühle, seitdem ich am ersten August gewonnen habe. Teilweise fühlt es sich immer noch surreal an, wenn mensch so angesprochen wird, aber es sackt immer mehr und mehr ein. Und mit diesem Einsacken kommt auch immer mehr und mehr das Gefühl, dass ich jetzt mit diesem Titel auch wirklich was bewirken und ändern will und dementsprechend auch mehr Verantwortung tragen möchte.
Hiba: Und wie fühlt es sich an, als queerer Mensch sichtbar zu sein?
Michael: Ich muss sagen, nachdem ich gewonnen habe, war ich anfänglich auch extrem in einer sogenannten «Love Bubble». Ich hatte extrem viel oder habe immer noch extrem viel Support und bekomme ganz viele tolle Nachrichten. Wenn mensch sich aber sichtbar macht als queerer Mensch, ist mensch dann natürlich auch eine Angriffsfläche. Also mensch muss sich dann auch gefasst machen, dass, wo positive Kommentare sind, auch negative Kommentare aufkommen und das ist auch passiert. Nicht persönlich, sondern vor allem auf Social Media haben die Leute dann auch angefangen, mich anzugreifen. Und das war auch etwas, was ich am Anfang lernen musste, mit dem umzugehen. Um ehrlich zu sein, nicht weil es mich mitgenommen hat. Also für mich war das immer klar: Es sind Leute, die ihre eigene Meinung haben und diese auch äussern können, wie sie möchten. Für mich ist es auch ein Zeichen von Schwäche, wenn mensch das einfach nur über Social Media, wo mensch sich hinter einem Profil verstecken kann, äussert, anstelle dass mensch die Diskussion sucht und konstruktiv miteinander umgeht. Für mich war aber tatsächlich eher die Angst, wie es meinen Eltern gehen wird, wenn sie diese Kommentare auf Facebook oder Instagram sehen. Und ich hatte da auch einen sehr schönen Moment, als ich das Gespräch mit meinen Eltern gesucht habe, weil ich weiss, wie schwierig es damals für sie war, als ich mich geoutet habe in Zermatt, mit diesen Kommentaren von den Leuten umzugehen. Und für mich war es auch schön zu sehen, dass meine Eltern jetzt über die Jahre gewachsen sind, sozusagen und über diesen Kommentaren stehen können. Dann war ich auch sehr erleichtert und habe mich mit diesen Themen auch nicht mehr weiter beschäftigt.
Hiba: Ging es dir eher darum, dass die Menschen, die du liebst, nicht verletzt werden durch diese Kommentare?
Michael: Ja, es war so, dass die Kommentare eben meistens sehr niveaulos waren. Ich sag’s mal so, also als Teufelswerk, als widerlich oder unmenschlich bezeichnet zu werden, war für mich völlig okay. Eben, wie gesagt, das trifft mich nicht, aber es gab dann Kommentare wie: «Mir tun die Eltern von ihm leid, dass sie so ein Kind des Teufels auf die Welt gebracht haben, dass die mit dieser Schande umgehen müssen oder dass die jetzt so eine Last haben oder dass sie sich überhaupt noch aus dem Haus getrauen.» Das waren dann eher die Kommentare, die mich beschäftigt haben, weil es dann nicht mehr um mich ging, sondern um die Leute, die ich liebe, und die Leute, die mich eigentlich unterstützen und die mit dem eigentlich nichts zu tun haben. Und da fand ich, ging es ein bisschen zu weit, ja.
Hiba: Und worum geht es eigentlich in deinem Projekt «Safe to Grow»?
Michael: Also im Rahmen vom Wettbewerb musste jeder Teilnehmer ein Projekt kreieren. Es ist ja nicht ein reiner Schönheitswettbewerb, sondern es geht auch darum, einen Botschafter für die Queer-Community zu suchen. Und die Hauptarbeit war dann, dass jeder so ein Projekt auf die Beine stellen musste oder ein Projekt unterstützen musste, was es schon gibt, das die Queer Community stärkt. Und ich habe mir dann, als ich mich beworben habe, überlegt: Was kann ich der Community beibringen oder wie kann ich die Community stärken?
Und worin bin ich gut? Und dann dachte ich: Ich arbeite als Kinderarzt. Ich habe täglich Kontakt mit Kindern und ich habe eine persönliche Geschichte, die mich sehr geprägt hat als jetziger schwuler Mann, der endlich offen zu sich steht. Aber der Weg hierhin war alles andere als schön und ich wollte dann meine persönliche und meine berufliche Erfahrung kombinieren und somit etwas für die Community beitragen. Und aus diesem Mix ist dann Safe to Grow entstanden.
Bei Safe to Grow geht es darum, dass im Gesundheitswesen, so wie in ganz vielen anderen Bereichen auch, noch häufig das Wissen fehlt. Und ich merke ja selber als Member der Community, dass ich weit weg davon bin, alles zu verstehen, was es in der Community gibt. Und dann kann ich auch nicht erwarten, dass Leute, die sich mit diesem Thema noch nie auseinandergesetzt haben, wissen, wie mit dem richtig umzugehen ist. Häufig wollen sie auch nicht diskriminierend sein, aber sind sich unsicher, was angebracht wäre.
Das Ziel des Projekts ist, im Gesundheitswesen Safe Spaces zu kreieren für queere Kinder und Jugendliche und Regenbogenfamilien, indem wir die Fachpersonen schulen, sie sensibilisieren und indem wir eben durch diese Schulungen auch Hürden und Hindernisse wegnehmen. Allein schon wenn du ins Spital gehst und mit der Frage konfrontiert bist, wo du ankreuzen musst, ob du männlich oder weiblich bist. Was, wenn du divers bist oder non-binär. Dann steht auch bei den Antragsformularen immer «Vater, Mutter:». Was, wenn du zwei Väter hast oder zwei Mütter? Weder noch? Das sind so Sachen, die dann direkt schon eine Barriere setzen. Und es geht uns darum, dass wir das Gesundheitswesen so weit bringen, dass es barrierefrei ist, dass sich jeder wohlfühlt, aber auch die Fachpersonen so kompetent geschult sind, dass sie wissen: Wie gehe ich damit um, wenn ich ein trans Kind vor mir habe? Wie gehe ich damit um, wenn ich ein non-binäres Kind vor mir habe? Wie gehe ich damit um, wenn ich ein Kind habe, das zwei Mütter hat?
Hiba: Das ist sehr schön. Und was sind eigentlich deine Pläne jetzt?
Michael: Meine Pläne aktuell sind so: Ich arbeite immer noch hundert Prozent als Kinderarzt und das möchte ich auch bleiben. Ich merke aber auch seit jetzt einem Monat, dass es relativ zeitaufwendig ist, so ein Projekt auf die Beine zu stellen, nebenbei noch hundert Prozent zu arbeiten, nebenbei noch Mister Gay Europe zu sein und irgendwo noch ein bisschen Zeit für mich und für meine sozialen Kontakte zu finden.
Aktuell sind wir deshalb dabei, Safe to Grow neu auszurichten. Nachdem wir intensiv daran gearbeitet und in Zürich bereits ein Pilotprojekt aufgebaut hatten, mussten wir dieses leider abbrechen. Wir waren politischem Widerstand ausgesetzt und haben leider nicht genügend strukturelle Unterstützung erhalten, dass wir es nachhaltig und unabhängig hätten weiterführen können. Das war zwar schwer, aber wir haben dadurch auch gelernt, was es alles braucht, damit so ein Projekt gelingt.
Jetzt liegt unser Fokus auf Basel, wo wir gerade versuchen, ein Netzwerk aufzubauen aus Kinderärzt*innen, Praxen, Spitälern und weiteren wichtigen Akteur*innen und planen auch ein neues Hauptprojekt in Basel. Wenn wir hier Erfahrungen gesammelt und erstmal eine stabile Grundlage aufgebaut haben, soll Safe to Grow langfristig in der ganzen Schweiz etabliert werden.
Hiba: Hat die Ausgrenzung deine Persönlichkeit und dein Selbstwertgefühl beeinflusst?
Michael: Ich bin in Zermatt aufgewachsen. Das ist so ein kleines Dorf, wo wirklich jede*r jede*n kennt. Ich bin in einer Community aufgewachsen, die auch sehr geprägt war durch die portugiesische Gesellschaft. Und ich habe relativ früh gemerkt, dass ich sozusagen aus der Reihe tanze, dass ich nicht die gleichen Interessen wie die anderen Jungs teile. Ich wusste damals natürlich nicht, was das bedeutet.
Also, dass ich vielleicht lieber Delfine oder Ponys und Pferde gesehen habe, als mich irgendwie mit Autos oder Actionfilmen auseinanderzusetzen, war für mich eigentlich kein Problem, bis ich dieses Mobbing in der Schule gespürt habe. Diese Leute haben dann gemerkt: ich bin anders, ich habe andere Vorlieben, ich habe andere Interessen. Und tatsächlich, das erste Mal diesen Kontakt mit dem Wort schwul oder Schwuchtel hatte ich im Zusammenhang mit Mobbing. Also ich wurde einfach auf einmal als Schwuchtel bezeichnet und wusste nicht mal, was das bedeutet. Und als ich mich dann ein bisschen mit dem auseinandergesetzt habe und mir auch klar war, was sie meinten, wieso sie mich beleidigen, wollte ich mir dann selber beweisen – oder den anderen beweisen – dass ich es nicht bin. Und ich habe lange gegen meine Gefühle und meine Vorlieben gekämpft und tatsächlich auch eine Art internalisierte Homophobie entwickelt, weil es für mich dann so weit ging, dass wenn ich jetzt gesagt hätte, ich wär schwul, dann würde ich den ganzen Mobbern recht geben und dann würde ich alles verlieren. Dann hätten sie die ganze Kontrolle über mein Leben, was tatsächlich aber ein falscher Gedanke war, weil, als ich mich dann mit achtzehn, neunzehn geoutet habe und endlich zu mir stehen konnte, habe ich gemerkt, dass ich diesen Leuten die Macht weggenommen habe, mich zu mobben.
Weil auf einmal war ich die Person, auf einmal war ich dieser schwule Mann und das war klar. Und dann hatten die anderen keine Angriffsfläche mehr. Und das hat mich dann auf eine Art gestärkt, auf eine andere Art auch ein bisschen traurig gemacht, weil ich hab dann so viele Jahre von meinem Leben sozusagen vergeudet oder ich hab so viele Jahre von meinem Leben zugelassen, dass andere Leute bestimmen, wie ich zu leben habe. Und das wären Jahre, die ich doch anders hätte leben können, frei von Angst vor Ausgrenzung. Und genau das will ich auch mit Safe to Grow bewirken, dass einfach diese Kinder, die Zukunft von morgen, das nicht mehr durchleben müssen, dass mensch nicht bis zum Teenageralter oder sogar noch länger mit der Angst leben muss, zu sich selber zu stehen, sondern dass es halt von Anfang an akzeptiert wird, wenn jemensch sich anders fühlt, andere Vorlieben hat und diese Person nicht gemobbt oder ausgegrenzt, sondern als Teil der Community aufgenommen wird.
