Im Anfang waren drei Gen-Z Queers: ein trans Dude, ein Enby und eine Lesbe

Als wir den Roten Raum, wo der Kurzfilmabend stattfinden sollte, betraten, war ich erstmal dezent überfordert. Noch nie hatte ich eine Lesbe über fünfzig kennengelernt, geschweige denn zwanzig von ihnen auf einmal. Während ich noch staunend dastand, verwickelte Clara mit seiner Kamera eine filmaffine Lesbe nach der anderen in ein Gespräch.

Was zählt überhaupt zu «Kultur»?

Wenn ich an 90er-Kultur denke, so wie sie mir beigebracht wurde, sehe ich: eine männerzentrierte Welt, bodenlosen Sexismus, Queerness als Pointe für homophobe «Witze». Umso erstaunter war ich darüber, wie die Lesben von den 90ern schwärmten: jedes Wochenende tanzen, alle kannten einander, Kunst und Filme schaffen.

Die Kurzfilme

Les jeux sont faits (1998) – Claudia Bach

Die Kasinobesitzerin spielt mit einer Fremden in fantastischem Drag-Makeup um ihr Leben. It’s giving Goethes «Faust», nur in lesbisch. Inspiriert ist der Kurzfilm von einer einzigen Seite aus Jeanette Wintersons «Verlangen». Wenn das mal nicht absolut gay ist.

FUN FACT: Gedreht wurde in einem Altersheimkeller.

LOUISE LOUISE (1996) – Dagmar Heinrich

Ein artsy Collagenfilm mit grossem Potential, sich in Interpretationen über seine Bedeutung zu verlieren. Meine Theorie: Eine Adaption der biblischen Schöpfungsgeschichte, aber in lesbisch. Mit Collagen-Zine als Bibel und einer Frau mit Herzattrappe als Göttin. Den Film gibt’s online. Überzeugt euch selbst oder bildet eigene Theorien. 😉

Bar jeder Frau (1991) – Katrin Barben

Ein Musikfilm, der Butch-Femme-Kultur überspitzt darstellt und zum Schluss komplett über den Haufen wirft.

TEA: Die ursprüngliche Femme-Tänzerin hatte sich zwei Wochen vor Dreh mit der Butch-Tänzerin zerstritten, deshalb sprang kurzfristig eine Schweizerin ein.

Kultur hängt davon ab, wem wir eine Stimme geben.

Wenn mensch einen Abend denjenigen zuhört, denen das Mikrofon so lange verwehrt wurde, wird deutlich: Kultur lebt in durchgetanzten Nächten, in artsy Collagenfilmen, und in staubigen Altersheimkellern.

Die 90er waren lesbisch.

Danke an Wybernet und das gesamte OK-Team, dass wir Kultur erleben durften.


Beobachtung am Rande: generisches Femininum?

Beim Milchbüechli gendern wir mit Sternli und ersetzen «man» durch «mensch». Die Frauen des Kurzfilmabends setzen klar auf das generische Femininum. Sie sprechen von «Vorgängerinnenfilmen», aus «man» wird «frau» und wir drei prompt zu den «Milchmädchen». Milchmädchen? Meine zwei trans Begleitpersonen und ich waren etwas irritiert. Es war bestimmt lieb gemeint, zeigt aber gleichzeitig: Sprache, die in einem Raum empowernd wirkt, kann in anderen Räumen Menschen ausschliessen.

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