Dieses Projekt durfte ich in der 52. Ausgabe des Milchbüechlis ausführlicher vorstellen. Es ist eine von vielen Arbeiten, in denen ich meine aufrichtige Bewunderung für und Inspiration durch Frauen, sowie die Vielfalt der Weiblichkeit aus der Perspektive eines schwulen Mannes zum Ausdruck bringe.

Ausgangspunkt für dieses Projekt war A Portfolio of Models der renommierten Performance-Künstlerin Martha Wilson, die sechs verschiedene weibliche Charaktere durch Fotografie und Schrift präsentierte. Diese überspitzten Stereotypen wiesen kritisch auf die begrenzten, für Frauen verfügbaren Rollen hin und brachten die politischen Veränderungen ihrer Zeit zum Ausdruck.

Was mich besonders inspiriert hat, war das Thema der Identität und wie sehr sie performativ sein kann, wenn wir es zulassen, mit ihr zu spielen, statt sie als gegeben zu betrachten. Bei diesem Projekt konnte ich genau das umsetzen: Ich stellte verschiedene Bilder und Vorstellungen von Frauen zusammen und erweckte sie zum Leben, indem ich im Austausch mit der Fotografin ihre Kostüme entwarf, sie schminkte, sie in Textform beschrieb und die geeigneten Aufnahmeorte auswählte.

In den letzten Monaten hatte ich grossartige Gelegenheiten, diese Figuren vor einem Publikum zu inszenieren. Es bereitet mir viel Freude, da es für mich eine äusserst kreative Form des Ausdrucks ist, die mir in meinem sonstigen Alltag fehlt. Es handelt sich an sich natürlich um Drag, aber für mich liegt der Reiz darin, nicht nur eine andere Person zu spielen, sondern mehrere Figuren, die stark von ihren Narrativen und vielleicht auch von ihren Gegensätzen zueinander geprägt sind. Während eine in bestimmten politischen oder gesellschaftlichen Kreisen als «gut» angesehen wird, gilt die andere als «schlecht».

In der letzten Ausgabe stellten wir die Girl-Boss vor, deren unerschütterliches Herz nur für die Börse zu schlagen scheint. Unsere nächste Protagonistin bleibt selbst in der grössten Rezession unerschütterlich.


The Activist

She hasn’t shaved her legs or armpits since her enrolment in postcolonial gender theory. Her leftist views and activism are self-reliant, because no one will take them very seriously. In her free time, she’s either supergluing herself to highways during protests or growing her own herbal narcotics. Rising sea-levels are the only thing that seems to go up in her life. To her, the Girl-Boss is a capitalist who sold her dignity and who will never understand the true meaning of happiness: socialism.

This androgynous beauty quite smartly incorporates re-used materials into her garments, making her stand out from the fast fashion crowd. She prefers a makeup-free look, adhering to nature cosmetics like home-made pigments and the scent of fresh patchouli. This highly contrasts with her body, covered in tattoos she collects on road trips from festival to festival.

Die «Woke»

Seit sie für postkoloniale Gender-Theorie eingeschrieben ist, rasiert sie weder ihre Beine noch ihre Achselhöhlen. Ihre linken Ansichten und ihr Aktivismus sind selbstbestimmt, denn niemensch nimmt sie wirklich ernst. Sie verbringt ihre Freizeit damit, sich bei Protesten mit Sekundenkleber an Autobahnen zu befestigen oder ihre eigenen pflanzlichen Rauschmittel anzubauen. Der Anstieg des Meeresspiegels ist das Einzige, was sich in ihrem Leben zu erheben scheint. Für sie ist die Girl-Boss eine Kapitalistin, die ihre Würde verkauft hat und niemals die Bedeutung von wahrem Glück verstehen wird: Sozialismus.

Diese androgyne Schönheit integriert auf originelle Weise wiederverwendete Materialien in ihre Kleidung und hebt sich damit von der Fast-Fashion-Szene ab. Sie bevorzugt einen Make-up-freien Look und setzt auf Naturkosmetik wie selbstgemachte Pigmente und den Duft von frischem Patschuli. Dies steht in starkem Kontrast zu ihrem mit Tattoos bedeckten Körper, die sie auf Reisen zu Open-Airs sammelt.


Kollektiv Chroma @aboutchroma

Künstlerische Leitung: Paul Grieguszies / Shelby Cummings (er / sie), 1995, @ishelbycummings

Fotografie: Eva Schneuwly (sie), 1995, @eggasch

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