Wie heisst du?
Mein Name in Drag ist Mona Gamie, bürgerlich heisse ich Tobias Urech. Auf der Bühne und in Drag benutze ich sie Pronomen, abseits der Bühne als Tobi dann er Pronomen.
Wie alt ist Mona Gamie?
Mona Gamie ist alterslos. Sie ist eine unspezifisch ältere Dame, irgendwo zwischen Erinnerung und Gegenwart. Im Leben abseits der Bühne bin ich 31 Jahre alt.
Weisst du noch, wann du zum ersten Mal als Drag Queen auf der Bühne standest?
Sehr genau. Mein erster Drag-Auftritt war am 25. Oktober 2013 im Club Kiff an einer Milchbüechli-Party. Damals wurde eine Drag Queen gesucht, und ich hatte einfach Lust, Drag auszuprobieren. Es war das erste Mal, dass ich als Mona Gamie auf der Bühne stand und es hat sofort Klick gemacht. Ich habe mich das erste Mal komplett wie ich selbst gefühlt und den Moment geliebt.
Wo kann ich dich als nächstes live sehen?
Allerspätestens am lila. Festival 2026, wo ich mit Milky Diamond zusammen wieder moderieren darf. Das ist für mich jedes Jahr ein sehr schöner, prägender Moment – nicht nur wegen der Bühne, sondern auch wegen der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Vertrauens.
Was macht Mona Gamie auf der Bühne unverwechselbar?
Wahrscheinlich meine scharfzüngigen Moderationen, mein starker Bezug zur Community und zur Nostalgie und meine Liebe zu den grossen Diven wie Marlene Dietrich oder Édith Piaf. Dazu singe ich natürlich selbst einerseits rührselige Chansons aus vergangenen Zeiten, andererseits furiose Pop-Songs, die ich ins Schweizerdeutsche übersetzt habe.
Wie würdest du deinen Drag in drei Worten beschreiben?
Nostalgisch. Süffisant. Und: fabulös.
Gibt es etwas, das bei deinem Make-up nie fehlen darf?
Ja, unbedingt: der Schönheitsfleck zwischen Nase und Oberlippe. Ohne den bin ich nicht komplett.
Was war dein queerster Moment überhaupt?
Definitiv meine erste Milchreise, die ich 2014 mitorganisiert habe. Diese Erfahrung von Community, Sichtbarkeit und Zusammenhalt hat mich sehr geprägt.
Was bringt dich sofort zum Lachen?
Ein bestimmtes Live-Album der grossen Diva Zarah Leander. Besonders, weil sie ständig selbstironische Witze reisst und das Publikum, das aus vielen schwulen Männern besteht, total mitgeht.
Hattest du auch schon Auftritte ausserhalb der Schweiz?
Ja. Ich hatte zum Beispiel einen Auftritt in Berlin, in der Bar Marietta, zur Vernissage eines queeren Literaturmagazins. Das war eine sehr schöne Erfahrung.
Was brauchst du nach einem Auftritt unbedingt?
Ich freue mich am meisten, wenn ich nach der Show ein Gläschen Chardonnay mit meinen Freund*innen trinken kann.
Gab es auch Drag-Katastrophen?
Lass mich kurz überlegen … Oh ja. Ganz am Anfang meiner Bühnenlaufbahn hatte ich einen privaten Auftritt an einer Geburtstagsfeier. Das Geburtstagskind hat mich damals nicht darüber informiert, dass die eine Hälfte ihrer Familie in einer sehr queer-feindlichen Freikirche war. Vor einem solchen Publikum aufzutreten war unangenehm und eine grosse Herausforderung.
Was würdest du deinem jüngeren Ich heute sagen?
Mach es genauso, wie du es vorhast.
Was wünschst du dir für 2026?
Ich wünsche mir, dass wir als Community weiterhin zusammenhalten und uns gemeinsam klar gegen Transfeindlichkeit einsetzen. Und ganz persönlich: dass ich noch ein paar Mal mit meinem Pianisten Simon de Sonoré auf der Bühne stehen darf.
Was ist Milchjugend für dich in einem Satz?
Die Milchjugend ist für mich Familie und Solidarität.
Was motiviert dich, trotz Kritik und Angriffen sichtbar zu bleiben?
Ich kann nicht anders. Ich muss auf die Bühne und ich brauche unsere Community. Natürlich werde ich dabei von meinen Freund*innen getragen und unterstützt.
Du hast auch ein eigenes Album veröffentlicht. Wie ist das entstanden?
Die Initialzündung war tatsächlich mein Abschiedsgeschenk, als ich 2022 aus dem Milchjugendvorstand zurückgetreten bin. Meine Vorstandskolleg*innen haben mir nämlich die Aufnahme eines Songs im Tonstudio geschenkt. Und als dann mein Pianist Simon de Sonoré mit ins Boot kam, hat eins zum anderen geführt und aus dem einen Song wurde plötzlich ein ganzes Album.
Wie hast du die Songs ausgewählt und welches Lied bedeutet dir am meisten?
Es sind Lieder, die ich schon seit vielen Jahren singe. Einerseits eben die Chansons, andererseits die schweizerdeutschen Popsongs. Darum bedeuten mir alle Lieder sehr viel. Aber wenn ich mich für eines entscheiden müsste, wäre es wohl «Die Seltsame». Das Lied stammt aus dem Jahr 1938 und wurde extra für eine Drag Queen geschrieben, für Bertie Wolf. Später hat auch Röbi Rapp das Lied gesungen. Röbi feierte vor allem im Zürich der 1950er-Jahre grosse Erfolge als Drag Queen. Und nun darf ich es singen. Das ist für mich eine grosse Ehre.
Zum Album «Überlebensgross»
«Überlebensgross» ist kein Album, das sich anbiedert, es nimmt sich Raum. Mona Gamie verbindet darauf Chanson, Nostalgie und Drag zu einem vielseitigen Werk. Es ist verletzlich und poetisch, aber auch lustig. Es hat eine warme Bühnenstimmung, weckt Nostalgie und wirkt selbstbewusst.
Die Lieder tragen Geschichte in sich. Manche klingen, als kämen sie direkt aus einer anderen Zeit und sprechen doch klar in die Gegenwart. Besonders stark ist das Spannungsfeld zwischen Humor, Melancholie und politischer Haltung, das sich durch das ganze Album zieht. «Überlebensgross» funktioniert weniger als Popplatte, sondern als intime, kuratierte Bühnenarbeit.
Dass Mona Gamie konsequent auf Schweizerdeutsch singt, holt die Lieder aus der Distanz des Chansons ins Hier und Jetzt und macht sie unmittelbar, nah und verletzlich. Schweizerdeutsch verleiht den Texten eine eigene Intimität, aber auch Schärfe, besonders wenn Humor und Spott mitschwingen. Gleichzeitig widersetzt sich Mona damit der Erwartung, dass grosse Gefühle nur in Hochdeutsch oder Fremdsprachen funktionieren. Ihre Lieder zeigen: Queere Bühnenkunst kann lokal verwurzelt und trotzdem überlebensgross sein.
Mona Gamie steht für Drag, der unterhält, erinnert und Haltung zeigt mit Nostalgie, Witz und einem klaren queeren Blick auf die Gegenwart.
Album online anhören: www.monagamie.ch/hoeren
