In diesem Text geht’s um die Fragen: Was bedeutet eigentlich Neurodivergenz? Was heisst neurotypisch? Wie fühlt sich das Leben als neurodivergente Person für mich an? Wie fühlt sich ein Overload an und was hilft mir dabei?
Aber fangen wir erstmal beim Anfang an: Was ist eigentlich Neurodivergenz? Neurodivergent beschreibt Menschen, deren Gehirne anders funktionieren, als die der meisten anderen Menschen (und das ist völlig okay!). Diese Menschen denken, fühlen und verarbeiten Informationen anders als sogenannte „neurotypische“ Menschen. Der Begriff setzt sich zusammen aus den Wörtern „Neuron“, also „Nerven“ und „Divergenz“, also „Abweichung“. Das kann viele Formen annehmen. Als neurodivergent werden beispielsweise Menschen bezeichnet mit:
Autismus
Menschen auf dem Autismus-Spektrum denken, fühlen und verarbeiten Reize oft intensiver als andere. Viele autistische Menschen mögen Routinen, klare Regeln oder haben besondere Spezialinteressen. Jede*r Autist*in ist einzigartig, sie haben also alle unterschiedliche Bedürfnisse.
ADHS
Bei Menschen mit ADHS (kurz für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) ist das Gehirn oft sehr aktiv. Gedanken flitzen durcheinander wie Glitzerstaub im Wirbelsturm und es kann ihnen schwerfallen, sich zu konzentrieren. Menschen mit ADHS sind oft kreativ und haben viel Energie, wenn sie sich für etwas begeistern.
Lernunterschiede
Zum Beispiel Legasthenie (Schwierigkeiten beim Lesen/Schreiben) oder Dyskalkulie (Mathe fühlt sich an wie ein Zahlensalat, mensch kann sich Zahlen nur schwer im Kopf vorstellen).
Hochsensibilität
Geräusche, Licht und Emotionen werden oft intensiver wahrgenommen. Hochsensible Menschen nehmen viel wahr und sind deshalb schneller überfordert und überreizt.
Psychischen Erkrankungen
Depression, bipolare Störung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung sind ebenfalls Teil des neurodiver-genten Spektrums. Sie alle beeinfl ussen, wie wir fühlen, denken und mit der Welt umgehen. Wichtig: Neurodivergenz ist keine Krankheit. Es ist einfach ein anderer Weg, die Welt zu erleben, zu fühlen und zu sehen. Und das darf gefeiert werden!
Wie fühlt sich Neurodivergenz an?
Für mich fühlt sich mein Leben manchmal an wie ein chaotischer Regenbogen mit zu vielen Tabs offen im Kopf. Ich bin oft überfordert von To-do-Listen, sozialen Erwartungen und hoher Lautstärke. In der Berufsschule ist es zum Beispiel super anstrengend, wenn alle gleichzeitig reden. Irgendwann ist meine „soziale Batterie“ leer und ich werde still, brauche Rückzug, Ruhe, Zeit für mich selbst. Ich verstehe manchmal nicht, was von mir erwartet wird. Ich denke zu viel, spüre zu viel. Und ich habe Angst, „zu viel“ zu sein und versuche mich zu überspielen. Dieses „Überspielen“ der Persönlichkeit wird „Masking“ (englisch für „Maskieren“) genannt: Mensch verstellt sich und passt sich der Norm an, damit mensch nicht auffällt. Ich habe jahrelang versucht, mich kleinzumachen, leiser, weniger bunt. Heute weiss ich: Ich bin nicht falsch. Ich bin nicht zu viel. Ich bin ich.
Was ist ein Overload?
Ein Overload (englisch für „Überladung“) ist das Gefühl, wenn alles zu viel wird. Wenn Reize, Gedanken, Emotionen und alles andere gleichzeitig auf einen einprasseln. Wie ein Feuerwerk im Kopf, das nicht aufhört. Für mich fühlt sich das an, als würde mein Gehirn lauthals „STOP!“ schreien, auch wenn ich von aussen betrachtet still bin und ruhig wirke. Ich kann dann nicht mehr sprechen, bin überfordert und ziehe mich zurück. Overloads sind keine „Launen“. Sie sind Schutzreaktionen des Gehirns. Und es gibt Skills, die helfen können, mit solchen Situationen besser umzugehen:
- Geräuschunterdrückende Kopfhörer tragen
- Feste Routinen aufbauen und einhalten
- Pause machen und einmal tief durchatmen
- Kalte Getränke trinken
- Malen
- Lesen
- Knetmasse kneten
- Hakeln
- Kaugummi kauen
- Konzentrationsspiele spielen
- Mit Menschen reden, die mich verstehen
- Reizarmes, gedimmtes Licht
- Ein Stillkissen oder eine Kuscheldecke
- Meine Emotionen aufschreiben oder zeichnen
- Akzeptieren, dass ich nicht „funktionieren“ muss und meine Gefühle zulassen
- Grenzen meinen Mitmenschen kommunizieren und ihnen sagen, wie ich mich fühle bei längeren Overloads
- Bedürfnisse klarstellen, zum Beispiel bei Freund*innen
Sich wohlfühlen mit ADHS
Das Buch „ADHS-Wohlfühlguide“ von Dr. Laura Vogel hat mir persönlich nach meiner Diagnose stark geholfen. Auf einmal hat so vieles Sinn ergeben: Dinge, die ich früher einfach als „komisch“ oder „zu viel“ empfunden habe. ADHS ist eben nicht nur das typische Gedankenchaos oder die klassischen Begriffe wie „Aufmerksamkeitsdefizit“ und „Hyperaktivität“, sondern zeigt sich bei allen Betroffenen ganz individuell. Es kann sich so anfühlen, als würde mensch ständig zu viel oder zu wenig spüren, oder als würde mensch im eigenen Chaos versinken. Angst zu haben vor Kritik, das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein und nicht richtig reinzupassen. Und ständig diese innere Zerrissenheit: Mensch versucht, funktioniert aber irgendwie nicht so, wie mensch „sollte“. Zu den Diagnosekriterien von ADHS gehören unter anderem Dinge wie Vergesslichkeit, starke Ablenkbarkeit, Probleme beim Gespräche führen und innere Unruhe. Viele von uns haben Probleme mit dem Selbstwert, in sozialen Beziehungen, im Beruf und und und. ADHS ist aber keine Checkliste zum Abhaken, es ist eine ganze Erfahrung. In Dr. Laura Vogels „ADHS-Wohlfühlguide“ geht es nicht nur um Symptome. Es geht um Hintergründe, um Geschichte, um das Verstehen des eigenen Gehirns. Es geht darum, wie mensch sich selbst mit mehr Freundlichkeit begegnen kann, mit Skills, die einem wirklich helfen, und mit dem Wissen: Ich bin nicht allein und ich bin toll, wie ich bin.


