Dieses Projekt, welches ich in der 52. Ausgabe des Milchbüechlis ausführlicher vorstellen durfte, ist eine von vielen Arbeiten, in denen ich meine aufrichtige Bewunderung und Inspiration für Frauen und die Vielfalt der Weiblichkeit aus der Perspektive eines schwulen Mannes zum Ausdruck bringe.

Ausgangspunkt für dieses Projekt war das im Jahr 1974 veröffentlichte Werk A Portfolio of Models der renommierten Performance-Künstlerin Martha Wilson, die sechs verschiedene weibliche Charaktere durch Fotografie und Schrift präsentierte. Diese überspitzten Stereotypen wiesen kritisch auf die begrenzten, für Frauen verfügbaren Rollen hin und brachten die politischen Veränderungen ihrer Zeit zum Ausdruck.

Was mich besonders inspiriert hat, war das Thema der Identität und wie sehr sie performativ sein kann, wenn wir es zulassen, mit ihr zu spielen, statt sie als gegeben zu betrachten. Bei diesem Projekt konnte ich genau das umsetzen: Ich stellte verschiedene Bilder und Vorstellungen von Frauen zusammen und erweckte sie zum Leben, indem ich im Austausch mit der Fotografin ihr Kostüme entwarf, sie schminkte, sie in Textform beschrieb und die geeignete Aufnahmeorte auswählte.

Bei der Gestaltung dieser Serie und auch danach in meiner Drag bewusst implementiert war der achtsame Umgang mit Materialien. Die Kostüme sind entweder selbst gebastelt aus bereits vorhandenen Stoffen, von Freund*innen und Verwandten ausgeliehen, in Brockenhäusern gefunden oder sogar von anderen Dragqueens erworben.

Dass diese Art von Drag bloss per Zufall gebastelt, roh und unpoliert wirkt, wurde ganz bewusst angestrebt. Einerseits war dies ein pragmatischer Weg, um mit möglichst wenig finanziellen Mitteln ein Projekt auf die Beine zu stellen. Andererseits stellt dies ein kulturelles Statement dar, wie wir bei begrenzten Mitteln noch kreativer nach Lösungen suchen und infolgedessen nachhaltig mit unmittelbar verfügbaren Ressourcen arbeiten. Das sollte uns auch daran erinnern, dass Geld allein keine Alternative für gute Ideen ist und Drag auch für Menschen mit geringem Einkommen möglich ist, solange sie eine einfallsreiche Sichtweise haben.

Nun, da der Frühling Einzug gehalten hat und die Callalilien wieder in voller Blüte stehen, ist es an der Zeit, uns von der Protagonistin der letzten Ausgabe, der Schwarzen Witwe, zu verabschieden. Während sie sich in ihre dunkle, abgelegene Höhle zurückzieht, wird ihre unschuldige, junge Stieftochter endlich wieder in die Wildnis freigelassen, wo sie unter Bienchen und Blümchen herumtollen kann. Jede Rose hat ihre Dornen, doch unsere nächste Protagonistin ist besonders zart und empfindlich, selbst für die sanftesten Hände.


The Virgin

She’s not a girl, not yet a woman and swapping those ballerinas for heels isn’t easy. After playing around with the boys in her block, it’s time for her to move on and find a more stable man that can support her. She hoped to someday be a successful woman in finance, but had always dreamt of settling down, aspiring to marriage and kids in a pretty house aligned with white picket fences in the suburbs. Surely, she can pursue an autonomous career thereafter.

She is dressed in a light, skimpy outfit, adorned with tulle and a skirt short enough to show off her pristine pair of legs. She needs no more than a little blush and chapstick, for a smile is the best makeup a girl can wear. Flowers in her hair and a sparkle in her stare, she waits with poise and patience for her prince charming to come.

Die Jungfrau

Sie ist kein Mädchen mehr, aber noch keine Frau, und der Wechsel von Ballerinas zu Heels ist nicht so einfach. Nach einer Weile, in der sie sich mit den Jungs aus ihrer Gegend ausgetobt hat, ist es für sie an der Zeit, weiterzuziehen und einen zuverlässigeren Mann zu finden, der sie unterstützt. Sie hoffte, eines Tages eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu werden, hatte jedoch immer davon geträumt, sich niederzulassen – von einer Ehe und Kindern in einem hübschen Haus mit weissem Lattenzaun in der vorstädtischen Pampa. Bestimmt kann sie danach eine eigenständige Karriere verfolgen.

Sie trägt ein leichtes, knappes Outfit, verziert mit Tüll und einem kurzen Rock, um ihre knackigen Beine zur Geltung zu bringen. Sie braucht nicht mehr als ein wenig Rouge und einen getönten Labello, denn ein Lächeln ist das beste Make-up, das ein Mädchen tragen kann. Die Frisur mit Blümchen geschmückt, ihr funkelnder Blick wirkt entzückt. Mit Gelassenheit und Geduld wartet sie auf ihren Traumprinzen.


Kollektiv Chroma @aboutchroma

Künstlerische Leitung: Paul Grieguszies / Shelby Cummings (er / sie), 1995, @ishelbycummings

Fotografie: Eva Schneuwly (sie), 1995, @eggasch

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