Ich stehe auf Frauen. Das habe ich mit zehn Jahren zum ersten Mal bewusst realisiert. Damals kamen diese Worte aber nicht so problemlos über meine Lippen. Ich konnte es mir nicht mal richtig eingestehen, weil ich mich so geschämt habe. Ich fühlte mich schuldig, als hätte ich was falsch gemacht und das ist jetzt die Strafe. Wieso bin genau ICH lesbisch? Ich glaubte sogar, dass es eine Sünde ist. Ich hatte diese Gedanken, weil ich in meinem Umfeld niemensch hatte, der mir Queerness vorgelebt hat, geschweige denn positiv über queere Menschen sprach. Ich suchte also nach einem Grund, um mir zu beweisen, dass ich doch nicht lesbisch bin. Als ich herausgefunden habe, dass Bisexualität existiert, habe ich einfach entschlossen, dieses Label an mich zu reissen. Dann könnte ich trotzdem «richtig» sein und mit einem Mann zusammen sein. Zumindest war das meine Hoffnung. Disclaimer: Es ist mir wichtig klarzustellen, dass meine Gedanken aus internalisierter Homophobie entstanden. Mensch kann sich seine Sexualität nicht aussuchen. Bisexuelle Menschen sind queer egal welches Geschlecht sie daten!
Ich habe also versucht Männer zu daten, um Teil der gesellschaftlichen Norm zu sein und der Vorstellung meiner Familie und Freund*innen zu entsprechen. Das hat natürlich nicht funktioniert, weil ich bereits wusste, dass das unauthentisch für mich ist. Bis ich mir das aber eingestehen konnte, vergingen weitere zehn Jahre.
Dann kam erst mal mein inneres Coming-out. Ich konnte mich endlich überwinden den Gedanken lesbisch zu sein, zuzulassen. Am schwersten fiel es mir jedoch nicht, zu akzeptieren, dass ich auf Frauen stehe, sondern dass ich NICHT auf Männer stehe und, dass ich nie diesem Bild einer gesellschaftlich «normal» gesehenen Beziehung entsprechen werde, wie es in vielen Filmen gezeigt wird. Es hat in mir eine grosse Angst vor dem Ungewissen ausgelöst, weil ich nicht wusste wie ein Leben in Partner*innenschaft mit einer Frau* aussieht und welche Reaktionen das auslöst.
Als erstes traute ich mich, mich vor meiner Schwester zu outen. Als ich mich dann bei den wichtigsten Menschen geoutet hatte, ging ich die ersten Schritte in meinem queeren Sein. Mit den ersten Erfahrungen in queeren Räumen fühlte ich mich erstmals sicher und dazugehörig. Weil ich aber immer noch die Anerkennung meiner Eltern und Freund*innen wollte, fehlte mir der Mut, um wirklich in der Community Fuss zu fassen. Während meiner ersten Beziehung war das dann mein einziger Kontakt zu meiner Queerness. Danach war ich wieder allein damit. Ich merkte, wie abhängig ich immer noch von der Anerkennung meines Umfelds war. Aber gleichzeitig fühlte ich mich so unverstanden, weil sie nicht queer sind und die ganzen Themen, mit denen ich mich täglich befasste, nicht nachvollziehen konnten. Zum Beispiel wie ich mich in der Gesellschaft als queere Person fühle, welche Rechte ich habe und nicht habe, usw.
Jetzt, vier Jahre nach meinem Outing, habe ich realisiert, dass ich ein queeres Umfeld brauche, weil ich einfach nur ein Mensch bin, und als Mensch habe ich das grundlegende Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Ausserdem habe ich meinen Fokus darauf, von anderen verstanden werden zu wollen, nach innen verschoben. Ich habe mich mit mir auseinandergesetzt und mich gefragt, was ich eigentlich will. Wie möchte ich gesehen werden? So habe ich mein Innenleben auch äusserlich angepasst. So, dass ich mich von mir selbst repräsentiert fühlte. Ich habe meine Meinungen und Werte gefestigt. Das half mir, mich von Menschen abzugrenzen, die andere Werte haben als ich und bei denen ich früher Angst gehabt hätte, mich selbst zu sein. Das führte zu viel Selbstakzeptanz.
Ich frage nun nicht mehr: «Darf ich queer sein?», sondern sage: «Ich darf queer sein, denn Queerness ist für mich Liebe und Liebe ist immer richtig.» Mein heutiges Fazit ist: «Für Liebe schäme ich mich nicht!»
Text von Alissa (sie), 2002
Illustration von Mischa (keine/er/sie), 1999, Bern, raundmischa.mmm.page


