Dies unterscheidet Asexualität grundsätzlich von Menschen im Zölibat, die eigentlich Interesse an Sex haben, respektive eine sexuelle Anziehung erfahren, aber bewusst darauf verzichten. Asexualität erscheint widersprüchlich zu dem, was die Gesellschaft als existentiell sieht, weshalb sich die Frage stellt, wie sich unsere hypersexuelle Welt auf Aces, also asexuelle Menschen, auswirkt.

Mensch wird von sämtlichen Medien darauf getrimmt, dass eine (monogame und heterosexuelle) Beziehung mit anschliessendem Heiraten und Kinderkriegen das eine Ziel im Leben sei. Eine glückliche Beziehung, respektive Ehe sei jedoch nur möglich, wenn Sex als höchste Stufe der Intimität darin stattfinde. Zudem existiert die Ansicht, dass Sex für alle super positiv sei und mensch ihn lieben sollte. Für asexuelle Menschen weckt dies das Gefühl, persönlich versagt zu haben. Für diese hat Sex ja nicht den Stellenwert, den der Rest der Gesellschaft ihm zu geben scheint. Dazu kommt noch die Meinung, mensch hätte nur noch nicht die richtige Person gefunden, noch nie guten Sex gehabt oder es sei bloss eine Phase. Das kann zu starker Isolation führen. In einer Umfrage von 2016 gaben 75 % der asexuellen Teilnehmenden an, dass Diskriminierung gegen und Vorurteile über ihre Identität einen negativen Einfluss auf ihre emotionale oder psychische Gesundheit haben. 49 % hätten bereits ernsthaft über Suizid nachgedacht.

Doch auch wenn Aces versuchen, sich für ihre psychischen Probleme Hilfe zu holen, gelingt dies kaum. Das Gesundheitssystem sieht Asexualität grösstenteils immer noch als Krankheit anstatt als Teil der Identität. Bis 2013(!) war Asexualität im DSM (umfassende Anleitung zur Diagnose psychischer Störungen) als eine psychische Erkrankung aufgelistet. Es wurden (und werden noch immer) Konversionstherapien zur Heilung von Asexualität angeboten, die katastrophale Folgen haben. Fast 77 % der Aces sind bei ihren medizinischen Fachkräften nicht geoutet, aus Angst, dass diese versuchen, ihre Asexualität zu «behandeln» anstatt der Probleme, für die sie eigentlich dort sind. Selbst vor ihren Nächsten können nur die wenigsten Aces als ihr authentisches Selbst leben. Nicht nur wegen der schädlichen Stereotypen, sondern auch wegen der Annahme, dass Interesse an oder Verlangen nach Sex die Menschen ausmacht.

Trotz der Diskriminierung von Asexualität gibt es jedoch auch einige Personengruppen, die in den Augen der Gesellschaft gar keine sexuellen Wesen sein können. Zum einen wird älteren Menschen, Personen mit Behinderungen, oder asiatischen Männern die Asexualität als Normalzustand zugeschrieben. Dies ist wie jedes andere Vorurteil schädlich und grundsätzlich falsch. Menschen der genannten Personengruppen sind zum gleichen Mass asexuell oder allosexuell (das Gegenteil von asexuell) wie der Durchschnitt der Gesellschaft. Zudem führen solche Stereotype dazu, dass zum Beispiel behinderte Aces das Gefühl bekommen, beiden Gruppen zu schaden, indem sie eben diesen Stereotyp erfüllen. Andererseits wird beispielsweise BIPOC-Personen oder weissen cis Männern ihre Ace-Identität oftmals aberkannt.

Auch die Fluidität von Asexualität kennen die meisten nicht, was zu weiterer Stigmatisierung beiträgt. Während alles auf dieser Welt sexualisiert wird, gibt es kaum bis gar keine Ace-Repräsentation in den Medien (langsam gibt es Fortschritte) und die wenigen, die es gibt, sind oft nicht-menschliche Charaktere, kaltblütige Mörder oder sie werden am Ende von ihrer Asexualität «geheilt» (z. B. Dr. House). Ausserdem werden Aces oft als kindlich, introvertiert oder neurodivergent dargestellt. Dies entspricht nicht der Realität. Es gibt nicht die eine Art, wie sich Asexualität zeigt. Es ist nämlich kein binäres System, indem es nur asexuell oder allosexuell gibt. Es ist ein Spektrum mit vielen verschiedenen Ausprägungen und mit ebenso verschiedenen Lebensrealitäten. Dabei sind alle Lebenswege und Identitäten im gleichen Mass legitim.

Ein weiterer Punkt für viele Aces ist, dass die Grenze zwischen Liebe und Freund*innenschaft verschwimmt, wenn die sexuelle Anziehung fehlt. Dies kann neben der Existenz von Aromantik (die Absenz von romantischem Interesse oder Anziehung) auch darin begründet werden, dass unsere Welt alles in binäre Systeme einteilt. Die Grenze zwischen Romantik und Freund*innenschaft ist nicht so klar, wie die meisten annehmen, weil Binärität unnatürlich ist. Liebe kann für Freund*innenschafts-Personen genauso stark empfunden werden, wie für romantische Partner*innen. Es wird Zeit, dass wir als Gesellschaft anerkennen, dass Liebe auch in Freund*innenschaften existiert und diese durchaus Überschneidungen mit romantischen Beziehungen haben dürfen.

Mir stellt sich am Ende lediglich die Frage, warum Aces, neben vielen anderen Minderheiten, denn überhaupt eine solche Diskriminierung erfahren müssen. Die Antwort darauf ist, wie auf so vieles, dass unsere blosse Existenz der gesellschaftlichen Norm widerspricht und wir deswegen als Bedrohung angesehen werden. Viele Menschen wollen die Heteronormativität nicht hinterfragen. Das ist unbequem. Das Verlangen nach Sex wird als der natürliche Normalzustand angesehen, weswegen die Absenz davon in den Augen vieler falsch sein muss, auch wenn das nicht der Realität entspricht.

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