Wenn heute über sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder Gender diskutiert wird, behaupten viele, das sei doch alles nur eine Trenderscheinung der letzten Jahre. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch etwas anderes: Schon im Berlin der 20er- und 30er-Jahre wurde intensiv zum Thema Queerness geforscht, und zwar im Institut für Sexualwissenschaften.

Das Institut wurde 1919 vom Arzt und Wissenschaftler Magnus Hirschfeld gegründet und war das erste seiner Art. Hirschfeld war sehr interessiert an der Sexualforschung und hatte bereits 1908 eine Zeitschrift zu diesem Thema mitgegründet. Mit der Gründung des Instituts erfüllte er sich damals einen grossen Traum. In seinen Anfängen war das Institut vor allem eine Einrichtung zur Erforschung und Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten. Das war zu dem Zeitpunkt bitter nötig, da viele Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg mit genau solchen Krankheiten zurückkamen. Mit der Zeit wurde das Forschungsgebiet erweitert und umfasste viele Bereiche zum Thema Sexualität. Es verfügte über eine grosse Bibliothek und die Forschenden gaben öffentliche Vorträge.

Queerness war ebenfalls von Anfang an ein Thema und wurde mit der Zeit zum Fokus des Instituts. Hirschfeld war selbst schwul und damals einer der wenigen Wissenschaftler*innen, die zu Transidentitäten und Intergeschlechtlichkeit forschten. Zu dieser Zeit waren sexuelle Handlungen zwischen Männern in Deutschland gesetzlich strafbar. Homosexualität wurde als krankhaft und unnatürlich betrachtet. Das Tragen von Kleidern des «anderen» Geschlechts (damals als «Transvestitismus» bezeichnet) wurde zwar nicht strafrechtlich verfolgt, es war aber trotzdem oft ein Grund für Auseinandersetzungen mit den Behörden und der Polizei. Hirschfeld war davon überzeugt, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ein natürlicher Teil des Menschseins sei und machte sie somit zum Forschungsschwerpunkt des Instituts. Er entwickelte die Theorie der «sexuellen Zwischenstufen». Damit meinte er, dass Menschen nicht einfach nur «männlich oder weiblich», «hetero oder homo» seien, sondern dass es viele natürliche Abstufungen und Mischformen gebe.

Das Institut wurde auch bekannt dafür, dass es sogenannte «Transvestitenscheine» ausstellte. Diese ermöglichten bestimmten Personen, in der Öffentlichkeit identitätsentsprechende Kleidung zu tragen, ohne Angst vor Verfolgung. Ebenfalls wurden dort offizielle schriftliche Bestätigungen für Transpersonen gemacht, damit diese offiziell ihre Namen ändern konnten. Das Institut führte sogar einige der ersten bekannten medizinischen geschlechtsangleichenden Massnahmen durch. Die erste bekannte vollständige Operation zur Anpassung der Geschlechtsorgane wurde 1931 an Dora Richter durchgeführt. Wenige Monate später erhielt die berühmte Künstlerin Lili Elbe dieselbe Behandlung.

Magnus Hirschfeld und seine Forschung waren für die damalige Zeit extrem fortschrittlich. Während queere Menschen oft nur in Polizeiakten oder medizinischen Diagnosen auftauchten, sprach Hirschfeld mit ihnen, hörte ihnen zu und nahm ihre Lebensrealitäten ernst. Das Institut sammelte Berichte, führte Interviews und veröffentlichte Studien, die queere Existenz erstmals wissenschaftlich sichtbar machten. Hirschfeld wollte nicht nur die Wissenschaft verändern, sondern auch die Gesellschaft. Besonders wichtig war ihm die Verbindung von Forschung und Menschenrechten. Er kämpfte für die Entkriminalisierung von Homosexualität, für Aufklärung in Schulen und für ein respektvolles Miteinander. International war das Institut ein Vorbild und ein Treffpunkt für Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen aus vielen Ländern. Es wurde auch zu einer Beratungs- und Anlaufstelle für queere Menschen. Für viele war das Institut ein Schutzraum und einer der wenigen Orte, an denen sie sich sicher fühlen konnten.

Doch dann…

1933, nach der Machtübergabe an die Nationalsozialist*innen, wurde das Institut gewaltsam zerstört. Für die Nazis war die Sexualforschung sittenwidrig und Queerness abartig. Die Truppen der Sturmabteilung plünderten das Gebäude und über 10’000 Bücher und Studien wurden bei den Bücherverbrennungen öffentlich vernichtet. Hirschfeld selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits im Exil in Frankreich und konnte nicht mehr zurückkehren, da er als Jude und schwuler Mann in Deutschland von den Nazis verfolgt worden wäre. Mit der Zerstörung des Instituts wurde nicht nur ein Gebäude ausgelöscht, sondern auch queeres Wissen, Geschichte und Sichtbarkeit. Hirschfeld versuchte zwar, 1934 in Paris ein neues Institut für Sexualwissenschaft zu eröffnen, was jedoch scheiterte. Er zog daraufhin nach Nizza und starb 1935, im Alter von 67 Jahren. Seitdem wird Sexualwissenschaft kaum mehr erforscht und sowohl das Institut als auch Hirschfeld selbst sind fast in Vergessenheit geraten.

Aber eben nur fast.

Egal, was manche Menschen sagen mögen, die heutige Diskussion über Queerness ist nicht bloss eine Trenderscheinung. Sie wurde bereits vor über 100 Jahren in Deutschland wissenschaftlich erforscht und belegt. Auch wenn die Belege heute nicht mehr existieren, Hirschfelds Ideen sind geblieben und werden von uns weitergeführt. Hier sind wir – und hier bleiben wir auch!

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