Hey Tia, auf deinen Accounts sprichst du über queere Beziehungen und Sexualität, aber auch über Selbstbestimmung. Hättest du diese Art von Aufklärung früher auch gebraucht?

Ich glaube, das ist etwas, das ich immer im Hinterkopf habe, wenn ich Social Media mache: mein jüngeres Ich. Leute haben mir mein Leben lang gesagt, dass ich total selbstsicher wirke, aber in mir drin war ich extrem unsicher und ich hatte ganz lange krasse Schwierigkeiten, zu mir zu stehen oder überhaupt zu mir zu finden. Das lag auch daran, wie ich aufgewachsen bin. Ich kannte keine queeren Menschen und als ich zum ersten Mal eine offen lesbische Frau kennengelernt habe, war ich 20 oder 21, und die wiederum war total butch. Es war zwar mega cool, sie kennenzulernen, aber ich konnte mich nicht richtig mit ihr identifizieren, weil ich selbst super feminin bin. Ich hatte sehr lange das Gefühl, dass ich einfach nicht reinpasse, aber auch nicht genau wusste, warum nicht und mich irgendwie immer falsch und nicht ganz zugehörig fühlte.

Dafür bist du heute vielleicht ein Vorbild für andere feminine Lesben. Eine eher unterrepräsentierte Gruppe.

Mich so femme zu präsentieren habe ich mich aber auch lange nicht getraut oder habe mir Sachen verboten, die ich gerne mochte wie bunte Farben oder lange Nägel zu tragen. In den letzten vier Jahren habe ich da Riesenschritte gemacht und das hat damit zu tun, dass ich es geschafft habe, mir ein Umfeld aufzubauen, wo ich voll ich sein kann, und das möchte ich gerne weitergeben. Heute kann ich diesen Stil feiern und geniessen, dass ich nicht die ganze Zeit an diesen männlichen Blick denke. Meine Feminität steht nicht in Relation zu einem Mann, sondern steht für sich allein. Denn es ist ja auch eine Präsentation, die mit Auffälligkeit einhergeht. Da wo ich aufgewachsen bin, war das Weiblichkeitsbild ein sehr unauffälliges, angepasstes, auch ein sehr katholisches. Ich will aber nicht unauffällig sein in meiner Expression, sondern lieber laut.

Du hast deine Queerness ja relativ spät entdeckt und dich mit 26 geoutet. Hättest du das gerne früher benennen können?

Ja, ich glaube, viele queere Menschen, die sich später geoutet haben, kennen diese Trauer.

Ah, echt?

Ja, ich glaube schon. Ich habe das Gefühl, dass ich, bis ich 26 war, nicht wirklich mein Leben gelebt habe. Ich habe ein Leben gelebt, das andere von mir erwartet haben und mich selbst krass unter Druck gesetzt, dem irgendwie zu entsprechen und auch sehr darunter gelitten. Das Gefühl, irgendwie anders zu sein und keine Sprache dafür zu haben. Sich irgendwie einsam zu fühlen, obwohl mensch ganz viele Friends hat und ganz viel tut, um dazuzugehören. Das ist ja auch wahnsinnig anstrengend. Wenn ich zurückblicke, hätte ich mir das gerne erspart oder frage mich, wie meine Jugend gewesen wäre, hätte ich einfach ich sein können.

Heute lebst du offen queer, du bist Autorin und hast bereits mehrere Hörspiele geschrieben. Nächstes Jahr erscheint dein erster Roman. Würdest du sagen, deine Texte sind queer?

Ja, das würde ich schon sagen. Wahrscheinlich ist alles, was ich tue, irgendwie queer. I can’t help myself. Aber, bei meinem ersten Gespräch in einem Verlag hatte ich ganz vehement gesagt, ich möchte auf keinen Fall als queere oder lesbische Autorin vermarktet werden. Ich will nicht in eine Schublade gesteckt werden. Ich bin Autorin, ich bin Schriftstellerin und ich schreibe Texte, in denen es um total universelle Gefühle geht. Und ob das jetzt queere Figuren sind oder cis-hetero Figuren, ist doch letztlich egal. Die Gefühle sind übertragbar und am Ende ist Liebe Liebe und Angst Angst. Mittlerweile hat sich das aber verschoben. Als ich mit Social Media angefangen habe, war für mich klar, dass ich mich als queere Frau präsentieren möchte. Denn es ist etwas super Schönes und ich bin da auch stolz drauf. Das Gleiche gilt für meine Texte. Ich kann mit Stolz sagen: Ja, die Hauptfiguren von meinem Roman sind drei queere junge Frauen. Aber was es zu einem queeren Text macht, sind nicht nur die Figuren oder in wen sie sich verlieben, es ist vielmehr eine Art, über die Welt nachzudenken und Normalitäten zu hinterfragen.

Ein queerer Blick auf die Welt?

Ja, genau. Das ist es.

Tia Morgen live

Tia Morgen liest Ausschnitte aus ihrem neuen Roman am Literaturfestival «Die Rahmenhandlung» in Bad Ragaz.

  • Wann: 18.–20.9.2026
  • Wo: verschiedene Locations in Bad Ragaz, der Taminaschlucht und Mels
  • Wer: rund 50 Künstler*innen, darunter Sarah Kuttner, Ralf König, Ewald Arenz, Faber, Beat Schlatter, Michael von der Heide, Pedro Lenz, Ursus Wehrli, Nadja Sieger, Maja Zivadinovic u.v.m.
  • Infos & Tickets: www.dierahmenhandlung.com

Text von Sophie (sie/ihr), 2003, Bern/Stans, sophie@milchjugend.ch
Illustration von Inas (sie/keine)

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