Homosexualität bei Tieren wurde in der Wissenschaft lange, teilweise bis in die heutige Zeit, ignoriert. Das Verhalten wurde auf Hormonstörungen zurückgeführt oder als «Revierkampf» oder «Perversion» abgetan. Allein das Beschnüffeln eines Männchens an einer Artgenossin wurde als «sexuelles Interesse» interpretiert, während bei eindeutig sexuellen Interaktionen zweier gleichgeschlechtlicher Tiere nach allen möglichen Erklärungen gegriffen wurde. Ausser nach der naheliegendsten.
Dabei wurde Homosexualität bei Tieren schon zur Zeit der alten Griechen erkannt. Aristoteles schrieb im vierten Jahrhundert vor Christus über die Promiskuität bei Hyänen, also über den häufigen Wechsel von Partner*innen sowie das Vorkommen von gleichgeschlechtlichem Sex. Dieses Wissen geriet über die Jahrhunderte in Vergessenheit oder wurde schlichtweg ignoriert. Erst vor nicht allzu langer Zeit hat die Wissenschaft anerkannt, dass neben dem Menschen auch Tiere homosexuell sein können. Auch Fluidität und eine grosse Vielfalt an Geschlechtern kommen in der Tierwelt ganz natürlicherweise vor.
Vögel
Zu den bekanntesten Tieren, die homosexuelle Verhaltensweisen zeigen, gehören Pinguine. Jeder fünfte Pinguin ist homosexuell, wobei schwule Pinguine häufiger vorkommen als lesbische. Sowohl in freier Wildbahn als auch in Zoos wurden die flugunfähigen Vögel dabei beobachtet, wie sie in tiefer Treue zu ihrem gleichgeschlechtlichen Partner leben, verwaiste oder geklaute Eier ausbrüten und ihren Nachwuchs liebevoll aufziehen.
Doch Pinguine sind bei Weitem nicht die Einzigen: Möwenmännchen bauen gemeinsam Nester, wo sie sich um verwaiste Jungtiere kümmern. Lesbische Störche nutzen die Samenspende eines dritten, männlichen Storches, um gemeinsam Küken grosszuziehen. Auf Hawaii gehen 30 Prozent der Albatros-Weibchen lebenslange lesbische Beziehungen ein, und ihre Jungtiere haben sogar bessere Überlebenschancen als die Küken von heterosexuellen Paaren. Bei Hühnern kommt neben Homosexualität auch eine Geschlechtsfluidität dazu. Hennen können spontan männliche sekundäre Geschlechtsmerkmale entwickeln und in seltenen Fällen sogar fruchtbares Spermium bilden.
Säugetiere
Neben dem Menschen zeigen alle Primaten (Menschenaffen) homosexuelles Verhalten. Bei Bonobos sind homosexuelle Interaktionen sogar häufiger vertreten als heterosexuelle. Weibliche Makaken sind weitgehend bisexuell. Selbst wenn Männchen zur Verfügung stehen, zeigen sie weiterhin Interesse an ihren Artgenoss*innen. Einige Weibchen haben sogar eine Präferenz für andere Weibchen und manche Affen befinden sich in gleichgeschlechtlichen Liebesdreiecken.
Bei Delfinmännchen sind lebenslange homosexuelle Partnerschaften sogar häufiger als heterosexuelle Beziehungen. Wissenschaftler*innen nehmen ausserdem an, dass Delfine nicht nur an Sex, sondern vor allem auch an intimen sozialen Beziehungen interessiert sind. Auch unter wilden Murmeltieren ist Homosexualität weit verbreitet. Weibchen besteigen oft andere Weibchen und zeigen sich gegenseitig Zuneigung über das Freundschaftliche hinaus.
Reptilien
Einige Schlangenarten sowie manche Reptilien und Vögel sind zur Jungferngeburten fähig. Das heisst, dass ein Weibchen ohne Männchen Nachkommen kriegen kann. Diese Form von asexueller Fortpflanzung kommt bei Wirbeltieren eigentlich nur sehr selten vor. Umso erstaunlicher ist es also, dass es ganze, rein weibliche Schlangenpopulationen gibt, die oftmals in geografisch isolierten Orten wie Inseln vorkommen. Diese Schlangen zeigen, obwohl es keinen Grund für Fortpflanzung gibt, oft sexuelles Interesse an ihren weiblichen Artgenossinnen.
Fische
Bei den Seepferdchen gibt das Weibchen dem Männchen ihre Eier in den Bauch, wo sie befruchtet werden und bis zum Schlüpfen heranwachsen.
Clownfische sind dafür bekannt, ihr Geschlecht wechseln zu können. Gruppen werden von einem dominanten Weibchen geführt und wenn dieses stirbt und das nächsthöchste Tier in der Rangordnung ein Männchen ist, wird dieses zu einem Weibchen. Dieses Phänomen kommt nicht nur bei den Nemo-Fischen, sondern in mindestens 500 weiteren Fischarten vor.
Insekten
Als einfachstes Beispiel für Homosexualität nennen Wissenschaftler*innen Fruchtfliegen. Diese können eine Genmutation haben, bei der ihnen ein bestimmter Geruchsrezeptor fehlt, sodass sie Weibchen nicht mehr von Männchen unterscheiden können. Infolgedessen paaren sie sich häufig auch mal mit Individuen des gleichen Geschlechts. Doch auch ohne genetische Einflüsse kommt es bei Insekten zu gleichgeschlechtlicher Paarungen: Bestimmte Libellenlarven werden schwul, wenn sie ausschliesslich mit männlichen Libellenlarven aufwachsen.
All das sind nur einige von vielen weiteren Beispielen. Die Natur ist weder binär noch entspricht sie den künstlichen Normen mancher menschlichen Gesellschaften. Es ist immer wieder spannend einen Blick auf die Tierwelt zu werfen und ihre faszinierenden Interaktionen zu beobachten.
Text und Illustrationen von Sasha (they/keine), 2005, @joel_art


